Buchrezension
 


Tangoporno zum Vorglühen

Sarah Michelle: Sex mal Tango. Goldmann 2006, 157 Seiten,
7,95 Euro.
ISBN-10: 3442460549
ISBN-13: 978-3442460540


Text: Veronika Fischer

Sex sells – so ziemlich immer. Tango auch, sagen die Marktstudien. So lag nichts näher, als die beiden Themenkomplexe in einer Kurzgeschichtensammlung zu verbinden. Sarah Michelle, Pseudonym einer im Erotika-Bereich nicht unbekannten Autorin, hat mit "Sex mal Tango" Anfang 2006 ein solches Buch veröffentlicht, in dem sie die Bandbreite der Verbindungen von Tango und Sex voll ausschöpft:

Wir treffen Marita und Paul – ein Anfängerpaar, das sich fremdverknallt, und zum Abschied genau wie am Anfang ihrer Beziehung auf der Motorhaube vögelt, Rosalie, die den Tango aufgegeben hat, weil ein Tänzer sie verließ, und die jetzt wahllos Männer aufreißt, um ihren Tango-Hunger zu vergessen, schließlich zurückfindet und in ihrer letzten Eroberung einen lern- und liebeswilligen Anfänger entdeckt. Mona, die viel Vibrator im Po und wenig Hirn im Kopf hat, weil sie schließlich letzteren in Buenos Aires zu Grabe tragen will. Lilly, die vor Frank masturbiert, nur um ihn zurückzugewinnen, weil sie wieder mit dunkelroten Rosenblüten gefickt werden will. Lina, die eigentlich mit Tango nichts, dafür mit ihrem Mann zuwenig am Hut hat, und Lucia, die sich erst im Park, dann bei Eliana verirrt, will, aber nicht kann und schließlich am Kühlschrank kalte Pellkartoffeln isst, während ihr Tangokleid in warmem Wasser auf Wäsche wartet. Endlich dann, in der letzten Geschichte, der Mann, der Ursprung all dieser Qualen ist: Manuel, leidend-verliebt, stark auf der Tanzfläche, schwächlich im Leben. Auch ihm entgleitet schließlich die Geliebte, Maleen (und, im Übrigen, die einzige starke Frau im Geschichtenband).

Soweit die stichpunktartige und – wie ich zugebe – satirisch überzogene Inhaltsangabe. Entscheidend für die Qualität des Buches müsste dies nicht sein: Erotika haben zumeist recht wenig und eintönigen Inhalt, Rein-Raus, Ah-Oh, und ein bisschen Atmosphäre drumherum. Gute Erotika schaffen es, diesen banalen content in eine Sprache zu packen, die den Leser mitreißt, seine Sinne anspricht, ihn mitfühlen lässt bis hin zum Gedanken-Orgasmus. Es gibt Phasen, eine Seite oder zwei, da schafft es die Autorin, dieses Flair zu generieren. Die Szene entwickelt sich, das Kopfkino rollt an, die Atmosphäre wird dichter, das Leseerlebnis zunehmend spannender – und dann kommt wieder so ein Satz. Einer mit den falschen Wörtern, mit zuviel direkter Rede, unpassenden Adjektiven oder der falschen Wortstellung. Ein Satz, oder auch eine Szene, die die Einmaligkeit des Erlebens, die emotionale Dichte von Tango und Sex gleichermaßen vernichtet. Und der Leser fühlt sich herauskatapultiert, sitzt plötzlich im Billigporno anstatt im Tango-Sex-Kunstwerk, und fragt sich, warum er eigentlich hier ist, wo er es doch genauso gut selbst tun könnte: tanzen, oder lieben, oder beides.

Auch Unklarheiten bleiben so manche, z. B. der Titel – Sex(chs) mal Tango lässt eigentlich auf sechs Geschichten schließen, vorfinden tut man dann sieben – oder sechs plus eine, weil die letzte die Wirrungen aller Vorgeschichten auflöst? Aber warum haben dann die Geschichten die Titel von Wochentagen? Und warum geht die Woche samstags los? Schließlich das Cover: was eine Dame, verhüllt in die lila-violetten Blütenblätter einer Kalla, mit Tango zu tun hat, hat sich mir bis heute nicht erschlossen – der Blick auf ein netzbestrumpftes Bein, auf High Heels und rotlackierte Zehen hätte ganz klischeehaft genügt.

Soviel die Autorin von Frauen, von Frauen-Phantasien erzählt: irgendwie bleibt das schale Gefühl, dass sie doch eigentlich ausschließlich auf den männlichen Leser abzielt. Auch hier fehlt ein Quäntchen Sprachkunst, ein bisschen mehr an Ideen, Unkonventionalität und ein sicheres Gespür für den Unterschied der sinnlichen Wahrnehmung von Frauen und Männern. Auch der Tango-Aficionado wird Stellen finden, die ihn einfach nur ärgern: Boleos sind nun einmal keine Figuren für Anfänger, und ein Valentino, das wunderbare Tanzschul-Tango-Kunstprodukt, ist Argentino-Tänzern so unbekannt wie, sagen wir mal, Glasringe mit eingelassenen Rosen. Dazu summieren sich die sprachlichen Brüche: Tänzerinnen, die Maleen anstatt klangvoll-argentinisch Malena heißen, sich mit adieu anstatt adiós verabschieden, und auf rosa (sic!) Zettelchen Nachrichten hinterlassen, anstatt in Tanguera-Manier gleich noch auf der Tanzfläche Tabula Rasa zu machen.

So bleiben am Ende vom Kurzgeschichten-Konglomerat eine leicht gehobene Augenbraue, ein sanftes Glimmen im Unterbauch und das sichere Wissen, dass die intensiven Gefühle, die sich auf der Tanzfläche erleben lassen, von der Autorin entweder nicht selbst erlebt oder nicht hinreichend packend formuliert wurden; insbesondere im Vergleich zu anderen Autoren des Tango-Genres, z. B. Katrin Dorns "Tangogeschichten".

Richtig sexy ist "Sex mal Tango" für Tangotänzer also nicht. Richtig unsexy allerdings auch nicht – zum Vorglühen auf eine Milonga, zum Gedankenspiel danach eignet sich das Buch allemal.

 

Das Buch "Sex mal Tango" von Sarah Michelle ist bei unserem Verkaufspartner Amazon erhältlich.

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Ausgabe Februar 2007

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)