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Aus dem Leben eines Tangoschuhs
Text: Veronika Fischer
Foto: Torsten Moebis
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Darf ich mich vorstellen? Geboren wurde ich in Argentinien aus dem edlen
Leder von Pampa-Rindern, und gemäß der Sitte, dass in Argentinien nur
als fein gilt, was europäisch ist, nannte man mich Comme-il-faut. Ich
bin ein Tangoschuh. Ausnehmend rassig mit Lackleder-Ferse, einem mörderisch
hohen, rot-glänzenden Pfennigabsatz, zwei neckischen Fesselriemchen mit
Diamantschließe und einem Zehenband aus roter, mit beigem Leder unterfütterter
Spitze.
Schon im ersten Augenblick, als sie die Bänder meiner Satintasche mit
ihren roten Fingernägeln löste und mich mit Kennerblick auf ihrer
Handfläche balancierte, habe ich mich in sie verliebt. Und als
sie mich
dann anlegte, diese rosigen Füßchen in mein Leder zwängte, das
Riemchen zweimal um ihren schmalen Knöchel legte und vorsichtig die
kleine Diamantspange schloss, da wusste ich: wir gehören zusammen. Auf
ewig.
Wir beginnen jeden Tag gemeinsam. Morgens, gleich wenn sie aus der
Dusche steigt, nimmt sie mich vom Regal und legte mich an, übt vor dem
Spiegel die ersten Schritte des Tages. Und auch, wenn mich die ewigen
Wiederholungen von ochos, cruzadas und Drehungen sehr langweilen –
schließlich ist man ja ein Edel-Schuh und nicht ein Arbeitstreter,
nicht wahr? – bin ich stolz, dass ich ihr so unentbehrlich bin. Fast
jeden Abend gehen wir aus. Meistens bin ich schon lange vorher zittrig
vor Vorfreude, und wenn sie mich dann aus dem Satinkokon packt und über
ihre netzbestrumpften Füße zieht, dann könnte ich vergehen vor Glück.
Eine ganze Nacht, nur für uns. Naja, fast. Wir tanzen ja nicht nur
gemeinsam, sondern auch mit einigen anderen Schuhen.
Am liebsten mag ich zwei kleine, rote Samtpantöffelchen, die eine gute
Freundin von ihr trägt. Meistens tanzen sie Vals zusammen, schön eng.
Ob sie es mag, von einer Frau geführt zu werden? Ich auf jeden Fall bin
begeistert von der Sanftheit der Schühchen. Kraftvoll und bestimmt,
aber ohne Ruckeln und Schieben, ohne Haken und Sprünge,
Knie-Klettereien und Knöchel-Schieber gleiten sie mit mir über die
Tanzfläche. Und falls sie mich mal zwischen sich einklemmen, so
streichelt mich der Samt sachte – so mag ich das, oh ja.
Wenn Piazzolla gespielt wird, jagen mich rote Wildleder-Boots übers
Parkett. Drehung – quebrada. Vier, fünf gerannte Schritte – und
dann ein boleo. gancho rechts, Kick Mitte, gancho links. Mag ja sein,
dass dies seine Interpretation der Musik ist, aber ein Schuh hat doch
auch Gefühle, nicht? Und dieses Rumreißen, Stoppen, Weiterziehen, das
bringt mich ganz auf dem Konzept und macht mich völlig konfus, kirre,
Tango-gaga. Sie aber auch – und nur ich kann
ihr leichtes Zittern fühlen,
und die Tröpfchen des Erleichterungs-Schweißes, die sich nach dem Tanz
zwischen ihren Zehen bilden.
Kurz vor jeder Milonga-Tanda bleiben zwei schwarze Lackschuhe mit weißem
Besatz vor mir stehen. Affig, so viel Lack – so ein bisschen ist
elegant, aber dieses Gefunkel ist nun wirklich aufdringlich, genauso wie
das, was die Lackschuhe von mir wollen. Permanent soll ich auf dem Boden
auftippen, hochschnellen, trippeln, mit dem Absatz klacken und wer weiß
was noch. Zimperlich bin ich ja nicht, aber was zuviel ist, ist zuviel.
Letztens habe ich dem Lackschuh einen ordentlichen Kratzer verpasst,
quer über die Spitze. Das hat er nun davon, eine zerkratzte Visage. So
bald kommt der nicht wieder.
Gelegentlich stoppt mich ein goldgelber Puma, meistens dann, wenn wir
Elektrotango hören. Über den soll ich dann springen. Was für eine
Zumutung für einen klassischen Tangoschuh! Ob diese Sportskanone nie an
meinen Absatz denkt? Schließlich könnte ich mir bei der Landung
ernstlich wehtun! Und dann diese Rundum-Achterbahnschwünge – boleos
nennt man die – schlecht wird einem dabei! Aber ich weiß ja, dass sie
solche Spielereien liebt. Und wenn sie wirklich zufrieden ist, wickelt
sie während den letzten downbeats ihr Bein um die Hüfte des Tänzers,
so dass mein Absatz an dessen Wade anliegt und ich die Welt quasi von
oben sehe. Das besänftigt mich meist.
Ganz spät, kurz vor dem Ende einer Milonga, kommt oft ein schwarzer,
schlichter Werner Kern vorbei, Spitze ziemlich abgescheuert und nicht
mehr schwarz, sondern bestenfalls grau; Absatz mehrmals neu besohlt. Ihn
mag ich. Ab und an streicht er an meiner roten Spitzen-Außenseite
vorbei, liebkost ganz zärtlich ihren Fuß, rutscht ab und zu sogar über
mein Riemchen, ihren Knöchel hoch. Dann seufzt
sie immer ganz leise.
Ich glaube, sie mag ihn auch, diesen Schuh. Vielleicht sogar den Fuß,
der dranhängt. So ganz genau kann ich es nicht sagen, denn immer, wenn
uns der Lederschuh nach Hause begleitet, lässt sie mich die Nacht in
ihrer Tasche verbringen.
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Ausgabe Dezember 2006
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