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Teil 1 der Exklusiv-Reportage von M. C. Brook
Karikatur: Gunter Scholtz
Nach einem wieder einmal
harten Redaktionstag fuhren wir die Rechner herunter und machten es uns
bei einer Flasche gutem Rotwein im loungigen Besprechungsraum
gemütlich. Mitternacht war nicht weit. Die Radiostimme verkündete
irgend eine neue Reform der Bundesregierung, die im Ansatz schon wieder
gestutzt wurde und dem Volk als angeblich guter Kompromiss verkauft
werden sollte, woraufhin ich das Radio ausmachte und MP3-Tangos
abspielte.
Wir erhoben die Gläser auf den Tango und dankten den
Göttern, dass wenigstens in der Tangowelt noch alles in Ordnung war,
als plötzlich das Telefon klingelte. Unsere Chefredakteurin ging ran und kam kaum zu Wort. Das war unüblich
und bedeutete jedenfalls nichts Gutes.
Keine Minute später legte sie auf und sah mich durchdringend an. Sofort
wusste ich, dass ein neuer Job auf mich wartete. In kurzen Worten teilte
sie uns mit, dass eine bislang unbekannte Vereinigung von unabhängigen
Milonga-Veranstaltern etwas Unglaubliches plante.
Bereits am nächsten Tag
machte ich mich auf den Weg, um in die noch ungelüfteten Geheimnisse
der Tangowelt einzudringen und sie gnadenlos ans Licht zu zerren.
Diesmal trieb es mich in eine niederrheinische Kleinstadt, wo ich Pedro
traf.
Pedro ist Anfang 50 und
tanzt seit 15 Jahren Tango Argentino. Seit 10 Jahren gibt er
Tanzunterricht, und genau so lange legt er als DJ in seiner rauchfreien
Milonga auf. Pedro ist frühpensionierter
Lehrer, ewiger Single und heißt eigentlich Günter. Seit einem Buenos
Aires-Aufenthalt vor vier Jahren nennt er sich Pedro. Und er kleidet
sich auch so: zu weite, schwarze und zudem billige Stoffhose mit
Nadelstreifen, weiße Tanzschuhe, weißes Hemd mit Rüschen und
Manschetten und einen Hut, der ihn nach eigener Meinung verwegen
aussehen lässt. Otto Dix hätte seine Freude an ihm gehabt, doch Pedro
glaubt fest daran, dass er wie einer dieser unwiderstehlichen Latinolümmel
aussieht und den Tango Argentino in seiner Heimatstadt so richtig nach
vorne bringt. Stolz erzählt er, dass die lokale Tageszeitung vor kurzem
über ihn berichtet hat, aber schon im nächsten Moment ist dieser
Ausdruck von Zweifel in seinem Gesicht zu erkennen, der im Schatten
seiner Hutkrempe meist im Verborgenen bleibt.
Mit einem leichten Kopfschütteln sieht er zu einer Tanguera an einem
der Tische hinüber. Sie hat eine Wasserflasche aus ihrem Rucksack
gezogen und nimmt ungeniert einen kräftigen Schluck, während sich das
Thekenpersonal hinter der Theke langweilt. Pedro kann nicht verstehen,
wie man so gedankenlos sein kann. Ins Restaurant bringt man ja auch
nicht sein eigenes Essen mit.
Gewissenhaft sucht er die nächsten Tangos aus, bevor er über seine
Erfahrungen aus dem Leben eines Milonga-Veranstalters erzählt. Seit über
einem Jahr verdient er kein Geld mehr mit seinem Tangosalon. Die Leute
trinken einfach zu wenig und feilschen auch noch am Eintritt. Die Kosten
für Miete, GEMA,
Versicherungen, Gagen für Live-Musik usw. laufen jedoch weiter. Da kann
die lokale Szene froh sein, wenn es Idealisten wie ihn gibt, die etwas
der Sache wegen tun. Aber die Missionare des deutschen Ritterordens
hatten es ja auch nicht immer einfach.
Ich nippe an meinem Martini und höre Pedro aufmerksam zu. Bei seinem
leidenschaftlichen Plädoyer erwarte ich fast, dass er das grelle
Deckenlicht an, die Musik aus macht und verkündet, dass er die Nase
voll hat und es ab sofort keine Milonga mehr geben wird.
Stattdessen besinnt Pedro sich, trinkt von seiner Apfelsaftschorle aus
kontrolliert biologischem Anbau und zeigt Verständnis für seine Gäste.
Viele gingen mehrmals die Woche zum Tango tanzen. Und dann läppere sich
das ja auch mit dem Eintritt und den Getränken. Die Kurse kosteten auch
Geld. Klar. Und die Tangoschuhe, oder die CDs, die man kauft, um zu
Hause üben zu können, oder auf einer Autofahrt Tango hören zu können.
Jeder müsse sehen, wo er bliebe und den Euro mehrmals umdrehen in der
heutigen Zeit. Daran müsse man ja auch mal denken – und deswegen könne er seine Gäste
eben auch ein bisschen verstehen.
Auf der anderen Seite fordert Pedro aber auch Verständnis für sich
ein. Es sei ja nicht nur das Geld und dass er hier stehe und Musik
auflege. Er verbringe Stunden damit, Musik vorzubereiten, Handzettel zu
entwerfen und den Leuten eine angenehme Zeit zu bereiten. Aber das werde
oft nicht gesehen. Dann heißt es nur, die Musik sei zu laut, oder zu
leise, die Tanzfläche zu glatt, und dann wieder zu stumpf, die Tänzer
aus Sicht der Tänzerinnen eher mittelmäßig und nicht der Rede wert.
Keine Brad-Pitt-Typen. Unaufregend! Aber am meisten regt Pedro sich darüber
auf, dass es einige gibt, die einen Vals nicht von einer Milonga
unterscheiden können und im üblichen Takt zu taktloser Musik tanzen.
Pedro holt einmal tief Luft und spricht sich selbst Mut zu. Er wolle
nicht klagen, auch wenn es sich so anhöre. Eigentlich ginge es ihm ja
ganz gut. Und der Raum werde an anderen Tagen auch für Yogakurse und
private Feiern vermietet. Da komme schon etwas Geld rein, mit dem er die
Milonga finanzieren könne, denn darauf verzichten wolle er auf keinen
Fall, weil trotz aller Widersprüche sein Herz an seinem Tangoabend hänge.
Diese Milonga sei in gewisser Weise wie ein Fluch für ihn. Irgendwann
einmal wolle er diesen Fluch besiegen. So oder so.
Mit diesen Worten zieht Pedro seinen Hut noch weiter ins Gesicht und
bestellt sich ein weiteres Glas Apfelschorle. Seine Stimme klingt inzwischen
unklar und zittrig, doch der trübe Bodensatz macht ihn gesprächiger. Ein Glas
später vertraut er mir flüsternd an, dass er der Vorsitzende der neuen
Vereinigung von unabhängigen Milonga-Veranstaltern sei, der inzwischen
fast alle Milongas angehörten. Sie wollten in Kürze eine Kampagne für
den gesamten deutschsprachigen Raum starten. Das Ziel: die Gäste sollten
endlich dafür sensibilisiert werden, mehr zu konsumieren und mehr an
ihrem Musikverständnis zu arbeiten. Anderenfalls drohe die Schließung sämtlicher Milongas auf unbestimmte Zeit.
Nachdenklich verlasse ich beim Einsetzen der ersten Morgendämmerung das
Lokal, begleitet von dumpfen Klavier- und Bandoneón-Klängen. Die
kühle Nachtluft klärt langsam meine Gedanken. Eine
Katastrophe droht für alle vom Tango abhängigen Tänzerinnen und Tänzer...
Den 2. Teil unserer Exklusiv-Reportage Der Fluch der Milonga
lesen Sie in unserer nächsten Ausgabe.
Lesen Sie weitere Exklusiv-Berichte von M. C. Brook aus unserem Archiv:
Die Anonymen Tangofussballer, Teil 1
Die Anonymen Tangofussballer, Teil 2
Der
Geheimbund der Tango-Therapeuten
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Ausgabe November 2006
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