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Teil 2 der Exklusiv-Reportage von M. C. Brook
Karikatur: Gunter Scholtz
... zurück in der Redaktion gönne ich mir erst einmal eine Tasse Kaffee
und nehme mir vor, einen ruhigen Tag zu verbringen und ein paar neue
Tango-CDs zu hören, die im Posteingang lagern. Doch daraus wird nichts.
Unsere Chefredakteurin hat bereits auf mich gelauert und verpasst mir
einen weiteren Auftrag: mitten in Berlin soll es eine autonome Gruppe von
Tanguerroristen geben, die einschlägige Milongas unterwandern und stören
wolle. Wieso, weshalb, warum und mit welchem Ziel sei nicht bekannt.
Wieder gehe ich bis zum
Äußersten und wage mich in eine der zahlreichen Berliner Milongas. Auf den ersten Blick ist alles wie immer: auf der Tanzfläche bewegen
sich einige Kreaturen zur Tangomusik. Und so manches Stück mutet an wie
die argentinische Version eines alten bayerischen Volkslieds, das auf
nahezu jedem alpenländischen Heimatabend zu hören ist. Die Atmosphäre
schwankt zwischen Seniorentee und Studentennachmittag in der Mensa. Nur
ernsthafter.
Ein
paar Schritte neben mir fordert ein unsicherer Großstadtburschi eine
dem Gesichtsausdruck nach frustrierte Dame auf. Im Eingangsbereich
stehen ein paar Touristen, die sich zufällig hierhin verirrt haben.
Ungläubig starren sie auf die Tanzenden und verschwinden wieder. Man
ist wieder unter sich.
An der Theke bestelle ich
mir einen Martini Bianco. Der Barkeeper sieht mich überrascht und
verwundert zugleich an. Wie beiläufig fällt sein Blick auf die
vorgezapften Gläser Apfelsaftschorle, die auf einem Tablett stehen.
Kurz darauf halte ich meinen Drink in den Händen und beobachte das
Treiben. Alles wirkt normal. So
weit man das sagen kann. Die Stunden vergehen, ohne dass etwas passiert.
Als ich zu gehen beschließe und mich gerade in Richtung Tür bewegen will, fällt mein Blick auf eine Tanguera, die mit zur
Schau gestellter Langeweile an der Tanzfläche steht und einem Tanguero
einen Korb verpasst. Der Arme dackelt zurück zu seinem Platz und zupft
nervös an seinem über dem Stuhl hängenden Schuhbeutel herum. Kurz darauf stellt sich Tanguera 2 neben Tanguera 1. Schick gekleidet,
etwas affektiert – aber immerhin recht hübsch. Sie flüstert Tanguera 1
unmerklich etwas ins Ohr und steckt ihr einen Zettel zu, um sich dann
ihren Mantel zu schnappen und die Milonga zu verlassen.
Ich ordere ein weiteres
Glas Martina Bianco, steuere zielstrebig auf Tanguara 1 zu, stelle
mich neben sie und sage höflich "Guten Abend!" Sie mustert mich skeptisch und entgegnet gleich, dass sie nicht tanzen
wolle. Ich sehe ihr mit festem Blick in die Augen und gebe ihr zu
verstehen, dass das bei der miesen Musikauswahl auch nicht in meiner
Absicht lag, woraufhin sie mich erstaunt ansieht und tatsächlich so
etwas wie ein Grinsen über die Lippen bringt.
Ohne dass ich weitere
Fragen stellen muss, sprudelt es aus ihr heraus: sie finde die Musik
scheußlich und die Leute zu spießig und wisse überhaupt gar nicht,
warum sie immer wieder in diese Milongas gehe. Es sei wie ein Fluch!
Zuhause höre sie ihre Tangos, die sie so wunderschön finde und glaube
immer wieder daran, dass sie in den Salons darauf tanzen könne und auf
gleichgesinnte Freaks treffe. Doch am Ende stehe für sie immer wieder
nur Enttäuschung und Langeweile.
Das Mädel wird mir immer
sympathischer. Ich lade sie zu einem Glas ein und versuche mit Charme
und Einfühlsamkeit, eine Vertrauensbasis aufzubauen, um dann gezielte
Fragen zu stellen. Doch soweit kommt es nicht. Ihre Augenlieder wirken
plötzlich müde, und sie schläft fasst auf dem Barhocker ein. Der
Barkeeper meint lakonisch, dass ihn das nicht wundere, da die
Lady sonst immer nur Leitungswasser trinke. Da haut so ein Glas
Martini schon mal rein.
Ich biete ihr an, sie
nach Hause zu begleiten, aber sie wiegelt ab: ihre Mutter sei zu Besuch
und da könne sie nicht irgend einen Typen mit zu sich nehmen. Dann
drückt sie mir einen Kuss auf die Wange und verabschiedet sich,
während ich Bedauern äußere, dass sie mein Angebot so falsch
aufgefasst hat, woraufhin sie mir nur verschwörerisch zuzwinkert. Ich
helfe ihr in den Mantel, wobei ihr der Zettel herunter fällt.
Blitzschnell bekomme ich ihn zu fassen, ohne dass sie es bemerkt. Mit
einem "Bis Bald!" verschwindet die Schöne.
Ich sehe ihr kurz nach, nippe an meinem Glas und falte den Zettel
auseinander, um die geheimnisvollen Zeilen zu lesen. Dabei kann ich mir
ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen, was in dieser ernsthaften
Atmosphäre sofort auffällt. Also setze ich sofort wieder eine
betretene Miene auf, zahle meine Zeche und verlasse den Ort. Carlos
Gardel tönt aus den Boxen. Mir scheint es gerade so, als ob er mir eine
Träne nachsingen würde.
Einige Tage später
begebe ich mich an den Ort, zu dem mich die geheimnisvollen Zeilen auf
dem Zettel führen: mitten im Bezirk Prenzlauer Berg gelange ich über
eine mit Schlaglöchern verzierte Straße, deren Hausfassaden noch nicht
von der Renovierungswut hungriger Investoren heimgesucht wurden, über
eine heruntergekommene Hofeinfahrt in den hintersten und dunkelsten
Hinterhof in einen Seitenflügel, der unbewohnt scheint. Hierher,
abseits aller Touristenpfade, gelangen nur Eingeweihte. Über eine
schmale Wendeltreppe aus rostigem Eisen folge ich den Klängen von
elektronischen Tangobeats, die mir jetzt entgegen hallen. Kurz darauf
finde ich mich in einem alten, eher kleinen Saal wieder und stehe der
Tanguera gegenüber, die mich überrascht ansieht. Etwa 20 weitere
Personen unterbrechen ihre Unterhaltung und starren mich entgeistert
an. Zu meiner Verwunderung kommen mir einige Gesichter sehr bekannt vor:
einer sieht aus wie Gardel persönlich, der nächste wie Osvaldo
Pugliese, ein weiterer wir Juan D'Arienzo – und ich erkenne auch Astor
Piazzolla, Miguel Calo, Nelly Omar, Libertad Lamarque, Tino Rossi, Pjotr
Leschenko, Juan Llossas und andere.
Die Tanguera lächelt zu
meiner Erleichterung und entlastet mich mit den Worten, dass ich schon
okay sei. Außerdem wäre es ihrer Initiative nur förderlich, wenn noch
mehr Leute dazukämen. Im ersten Moment glaube ich zu träumen, doch werde schnell
über die Ziele der Bewegung aufgeklärt.
Den Anwesenden hänge der Fluch der Milonga an, der nur dann gebrochen
werden könne, wenn der Tango sich stetig weiter entwickele und die
Milongas neue Stilelemente hervor brächten. Bis dahin müssten alle
Verfluchten sich unsichtbar durch die Milongas der Welt bewegen und
darauf hoffen, dass der Fluch gebannt werde.
Ich befinde mich also
inmitten der Gruppe der autonomen Tanguerroristen, die sich die Umsetzung
der folgenden Punkte zum Ziel gesetzt haben und damit den Fluch brechen
wollen, wie sie mir erklären:
1.: DJs in die
etablierten Milongas einschleusen und somit für bessere Musik sorgen
2.: Boykott der Gastronomie durch Mitnahme eigener Getränke. Grund: zu
teure Getränkepreise bei zu schlechter Qualität
3.: Jedes Mitglied der Gruppe muss in einer Milonga unablässig über
die schlechte Tanzfläche (zu glatt oder zu stumpf), die mittelmäßigen
Tänzer und über die zu teuren Eintrittspreise bei mittelmäßiger
Leistung der Veranstalter schimpfen
4.: Ziel: Durchführung eigener Milongas nur mit geladenen, freakigen
Gästen in nicht öffentlichen Orten. Dadurch soll das Aushungern der
bestehenden Milongas erreicht werden, die dann schließlich dicht machen
bzw. sich auf die Ausrichtung von Teatime-Tango auf
BWL-Studenten-Level spezialisieren müssen.
Ich erfahre, dass
Teilziele bereits erreicht wurden. In einigen Milongas habe der
Publikumszuspruch bereits merklich nachgelassen. Gleichzeitig bekomme
die Gruppe immer mehr Zulauf. Man sei also auf dem richtigen Weg.
Nach der
"Besprechung" wird Tango getanzt – und ich bin überrascht
über die interessante Musik, die ich in der Art noch niemals in einer
Milonga gehört habe: klassisch und modern zugleich, ideenreich und
inspirierend. Die Tanguera fordert mich auf. Wir tanzen – und ich
fühle, dass auch ich vom Fluch der Milonga eingeholt werde.
Insgeheim hoffe ich, dass sich niemand finden wird, der mich davon
erlöst ...
Lesen Sie auch folgende Exclusiv-Berichte von M.C. Brook:
Der Fluch der Milonga, Teil 1
Die Anonymen Tangofussballer, Teil 1
Die Anonymen Tangofussballer, Teil 2
Der
Geheimbund der Tango-Therapeuten
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Ausgabe Dezember 2006
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