...geh'n wir in den Garten, pflücken wir die Birn'
 


Die Körpergröße und der Tango

Text und Karikatur: Gunter Scholtz



Als ein Mensch der, na ja, nicht unbedingt immer die Kastanien aus dem Feuer holt, aber zumindest verbal doch auch mal das eine oder andere heiße Eisen anpackt, bringe ich nun eines der bisher von diesem Zugriff verschonten Tabus des Tangotanzens zur Sprache: den Größenunterschied von Tanzpartnern. Wenn Sie nun beim Lesen etwas unbehaglich auf Ihrem Stuhl herum rutschen und die Stirn runzeln, gehören Sie wahrscheinlich zu der betroffenen Gruppe, der aus diesem Thema schon mal das eine oder andere unangenehme Erlebnis erwachsen ist.

Draußen im Tango-fernen, täglichen Leben wird wesentlich freizügiger mit diesem Thema verfahren. Denn während auf der Straße überdurchschnittlich großen Leuten rhetorische Fragen der Form "Wie ist die Luft da oben?" oder entsprechend kleinen Leuten solche wie "Na, wie isses so, wenn man aufrecht unterm Tisch durchlaufen kann?" andauernd, auch von Wildfremden, entgegen schallen, werden solche Unverfrorenheiten beim Tango gerne unter den kultivierten Teppich gekehrt. Aber beim Tango kommt ja eh eher so eine seltsame, nicht minder problematische, nonverbale Kommunikation zum Tragen. Aber davon soll hier nicht die Rede sein, sondern von dem Umstand des Größenunterschieds von Tanzpartnern beim Tango.

Packen wir das Thema also klar bei den Socken und schauen uns ein Beispiel an. Ein etwa zwei Meter großer Mann tanzt mit einer etwa 1,60 m großen Frau (Glauben Sie mir. So was kommt vor.) Was fällt auf den ersten Blick auf? Also zum einen, dass die Tanzfiguren, insbesondere die Drehungen, nicht unbedingt für diese Konstellation erdacht worden sind. Das wäre beim modernen Rock'n'roll anders. Da sind kleine zierliche Tanzpartnerinnen in den Armen eines großen, starken Tänzers an der Tagesordnung, weil er sie nicht nur fünf Meter hochwerfen soll, sondern dann auch noch wieder auffangen können muss, ohne sich einen Bandscheibenvorfall zu holen. Aber egal wie stark er und wie zierlich sie ist, beim Tango sind die beiden keine ideale Konstellation. Doch sie bemühen sich und bringen mit einiger Übung schon das eine oder das andere Gelungene zustande.

Als nächstes fragt man sich in einem Raum voll vielfältigster Tanzpartnergrößen, wie ausgerechnet diese beiden aneinander geraten sind. Warum forderte er keine größere Tänzerin auf? Warum nahm sie dieses Martyrium an? Ha, ich sage einfach, da haben wir wieder einen Beleg dafür, dass es beim Tanzen nicht unbedingt nur um Äußerlichkeiten geht, sondern auch um "weiche Faktoren" wie Sympathie und die viel beschworene Chemie. Und sieh genau hin. Die beiden haben Spaß, lachen gar.

Da tut sich dem kritischen Zyniker sogleich die nächste Frage auf: Ist man bei einer außergewöhnlichen Körperhöhe, ob klein oder groß, dazu verdammt, beim Tango das Dasein einer Karikatur zu fristen, welche sich nur auf humorvolle Weise diesem Tanz widmen darf? Antwort: Nein. Hier ist jeder seines Glückes Schmied. Ich denke, der Diskriminierungsgrad von Sondergrößen beim Tango entspricht etwa dem bei C&A oder H&M. Die Auswahl ist kleiner, aber man kann hingehen, alles anprobieren, muss ggf. länger suchen, bis was passt, und selbst wenn das den eigenen Maßen entsprechende Spektrum sich nur auf Handschuhe und Unterwäsche beschränkt, irgendwas findet man. Des weiteren kann man natürlich alles anziehen, es sieht halt nur nicht unbedingt gut aus. Ob man das dann tut und wie man sich damit fühlt, ist dann jedem selbst überlassen. Dennoch kann das nicht darüber hinweg täuschen, dass die Lage hier tendenziell schwierig ist. Wir wollen ja nichts beschönigen.

Aber wenn Sie schon glauben, die großen Männer und die kleinen Frauen hätten's schwer, dann beschauen wir doch mal die Situation der Frauen über 1,85 und der Männer unter 1,65. Gleiche Kiste, nur muss man sich hier noch dazu vorstellen, man würde bei H&M mit einer gesperrten EC-Karte einkaufen und müsste die Klamotten entweder klauen oder das Verkaufspersonal dazu überreden, einem Kredit zu gewähren.

Doch was, fragt sich der durchschnittlich große Tangotänzer, ist das Problem bei starken Größenunterschieden beim Tanz, abgesehen von der Optik? Ganz einfach. Das fängt mit Schrittlänge an und hört bei unterschiedlich hohen Schwerpunkten und Schultern auf. Wir reden hier also noch nicht mal von Wange-an-Wange-tanzen. Ähnlich große Tanzpartner kommunizieren kinderleicht fast ohne Einsatz der Arme über das Geben und nehmen von Raum. Das leichte Ziehen einer Folgenden im Kreis des Drehsystems wird ungleich schwieriger, wenn sie 30 Zentimeter kleiner ist. Zur Veranschaulichung: Schieben Sie mal einen mannshohen Schrank von 100 Kilo auf Schulterhöhe und im Vergleich dazu einen ebenso schweren Unterschrank von einem halben Meter Höhe, beides im Stehen und mit den Händen.

Bevor Sie das jetzt wirklich ausprobieren und sich einen Hexenschuss holen, sag ich ihnen lieber die Lösung: Das Schieben des kleinen Unterschranks ist ungleich schwerer. - Ich bitte die Damen, diesen Vergleich nicht misszuverstehen. - Und nun bekenne ich noch, dass all dies hier Niedergelegte meinen persönlichen Erfahrungen entstammt. Ich bin nämlich auch nicht gerade der typische C&A-Kunde von meiner Statur her.

Ich schätze, fast jeder Sondergrößling hat schon diverse Körbe aufgrund seines aus dem Rahmen fallenden Formats bekommen. Auch viele bei der Wahl zum Tanz übergangene Frauen speziellen Formats können in diesem Chor eine Stimme singen, und nicht gerade die zweite. Aber das ist auch nur eines von vielen Kriterien in der bösen Welt, wie das falsche Parfum oder der falsche Scheitel.

Dazu möchte ich einen heilsamen Tipp weiter geben, den ich einmal von einer Bekannten bekam, als ich mich wieder frustriert über die hohe Anzahl der Körbe beklagte, die ich mir - damals hochambitioniert - von diversen Tänzerinnen abgeholt hatte. Sie sagte: "Warum fragst du die denn auch? Frag doch lieber die netten Frauen."

Mache ein jeder mit diesem Rat, was er will. Für mich war er Gold wert.


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Ausgabe Oktober 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)