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Eine Annäherung an den Tango aus Sicht der Physik
Text: Katharina Boecherer
Foto: Torsten Moebis
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Tango erweckt sofort Assoziationen auf der emotionalen Ebene: Tango, ein
Tanz voll Erotik und Leidenschaft, Sehnsucht und Melancholie. Da wirkt
es doch ernüchternd, wenn man auf den Essay "Tango und die Gesetze
der Mechanik" von Alberto Toledano stößt (Tangodanza Nr. 3/04).
Die rationale Physik und der emotionale Tanz, das scheint sich
auszuschließen. Doch sind auch wir Tänzer durch unseren materiellen Körper
den Gesetzen der Physik unterworfen und können sie nicht außer Acht
lassen.
Das spüren wir besonders dann, wenn etwas schief läuft: Wenn wir
kurzzeitig das Gleichgewicht verlieren oder der Boden zu glatt ist. In
seinem Essay versucht Alberto Toledano, sich den physikalischen Aspekten
des Tanzes anzunähern, indem er die Statik eines Tanzpaares untersucht
und die Tanzhaltung im Hinblick auf Masse, Kraft und Schwerpunkt
analysiert.
Ich möchte hier den Versuch wagen, die Gedankenspielerei von Toledano
in zwei Richtungen fortzusetzen: Erstens soll die physikalische
Betrachtung, die Toledano für die Statik eines Tanzpaares begonnen hat,
hier auf die Dynamik ausgeweitet werden, denn Tanz ist Bewegung.
Zweitens möchte ich die physikalischen Bedingungen für die
Kommunikation im Tango untersuchen. Beide Aspekte, Dynamik und
Kommunikation, finden sich im Impuls
als zentralem Begriff.
Der Impuls ist die wichtigste physikalische Bewegungsgröße. Er
beschreibt den Schwung oder die Wucht, die ein sich bewegender Körper
hat, und wird berechnet als Produkt von Masse und Geschwindigkeit.
Anschaulich entspricht dies der Erfahrung, dass ein langsames Auto
weniger Schwung hat als ein schnelles Auto (Geschwindigkeit) und dass
ein großer, schwerer Lastwagen mehr Schwung hat als ein gleich schnell
fahrender Radfahrer (Masse).
Das heißt, ein sich bewegender Körper hat einen bestimmten Impuls.
Dieser Impuls kann auf einen anderen Körper übertragen werden: man
denke an zwei Billardkugeln. Bei zentralem Stoß, wenn die erste Kugel
die andere genau in der Mitte trifft, überträgt die erste Kugel ihren
gesamten Impuls auf die zweite, d. h. sie bleibt liegen, während die
zweite Kugel, der sog. Stoßpartner, mit gleicher Geschwindigkeit in
gleicher Richtung davonrollt. Der physikalische Impuls ist eine
vektorielle Größe, das bedeutet, dass man nicht nur starke und
schwache Impulse unterscheidet, sondern auch, in welcher Richtung ein
Impuls erfolgt. Bei der Impulsübertragung werden die Impulse deswegen
als Pfeile dargestellt.
Die Sprache des Tangos besteht physikalisch betrachtet aus Impulsübertragungen
eines Körpers auf einen anderen. Die Bewegungsrichtung des einen Körpers
wird dabei durch Zusammentreffen mit einem anderen Körper verändert.
Reduzieren wir die Dimensionen des Tanzes auf den physikalischen Aspekt,
so können wir sagen, dass die beiden Tanzpartner kommunizieren, dank
ihrer Masse. Nach dem Trägheitsgesetz verharrt nämlich jeder Körper
in seinem Bewegungszustand, sofern keine Kräfte auf ihn wirken. Die Trägheit
der Masse wird für uns spürbar durch den Widerstand, den wir erfahren,
wenn wir einen materiellen Körper in Bewegung setzen wollen. Ihre Masse
erlaubt es also den Tänzern, Impulse aufzunehmen und zu geben.
Machen wir uns nun zum physikalischen Beobachter eines Tanzes: Das
Tangogespräch wird eröffnet, wenn die Tänzerin ihre rechte Hand in
die geöffnete Linke ihres Partners legt. Ihr Arm stellt dabei eine
stabile Verbindung zum Rest ihres Körpers dar. Der Kontakt, der die
Kommunikation ermöglicht, wird durch einen leichten Druck der Handflächen
gegeneinander hergestellt. Die Tänzerin ist präsent, wenn ihr Partner
einen gewissen Widerstand als Angriffspunkt für seine Impulse spüren
kann. Dieser Angriffspunkt ist nichts anderes als die Trägheit der
Masse, die die Übertragung von Impulsen ermöglicht.
Präsenz ist spürbare Masse, strukturiert durch eine ausbalancierte,
vertikale Achse, die durch den Schwerpunkt des Körpers geht. Der Körperschwerpunkt
ist diejenige Stelle, an der man sich die gesamte Masse des Körpers
konzentriert denken könnte. Tango ist keine verhuschte Bewegung,
sondern klar orientierte Verschiebung des Schwerpunktes. Der Tango
entsteht, wenn die Kommunikation stimmt. Wenn der Führende den Schwung
und die Möglichkeiten seiner Tanzpartnerin erfasst, wenn die Folgende
offen ist für jede unerwartete Wendung, dann kann eine gemeinsame
Sprache gefunden werden. Dann wird der Tanz zum Spiel, in dem er lockt
und sie zögert, er wartet und sie drängt.
Je besser die Tänzer in ihrem Schwerpunkt ruhen, desto leichter wird
die Kommunikation. Je klarer die Bewegung des eigenen Schwerpunktes für
den anderen erkennbar ist, desto direkter können die Impulse den
Schwerpunkt ansprechen. Richtungsänderungen erfordern dann kaum noch
Kraft. Sie können durch winzige Impulsübertragungen gleich dem
leichten Antippen einer rollenden Kugel vermittelt werden.
Bilder aus der Physik und ihre Kontexte können dabei helfen, das
Bewusstsein für den eigenen Schwerpunkt zu schärfen. Dieses Gespür für
den Körperschwerpunkt ist wichtig als Voraussetzung für den
Tangogenuss, denn Ruhe und Klarheit der Kommunikation hängen ab von der
Balance der vertikalen Achse. Das Wesen des Tangos jedoch werden wir auf
physikalischem Wege sicher nicht vollständig ergründen können.
"Über den Tango kann man debattieren,
und wir haben über ihn debattiert,
aber er bleibt, wie alles was wahrhaftig ist,
ein Geheimnis."
Jorge Luis Borges
Lesen Sie auch den angesprochenen Artikel von Alberto Toledano: Tango
und die Gesetze der Mechanik
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Ausgabe Dezember 2006
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