Kiss and Tango!
 
Für Englischlehrer: "Kiss and Tango" von Marina Palmer

Text: Ingrid Kasper

Marina Palmer: Kiss and Tango 
Gebundene Ausgabe
336 Seiten 
William Morrow &Company
Erscheinungsdatum: 1. Juli 2005 
ISBN: 0060742925 
In englischer Sprache

Na, das ist doch genau die richtige heiße Lektüre für einen kalten Frühherbstabend ohne Open-Air-Milonga!

Hier geht es um das hochdramatische Tagebuch der Marina Palmer, und ihre Geschichte geht so zu Herzen, weil wir uns alle in sie hineinversetzen können. Marina arbeitet in einer Werbeagentur (und das eine muss man ihr lassen: Sie hat gelernt, sich zu verkaufen!), entdeckt den Tango und wird süchtig. Das kennen wir doch alle, oder?

Marina Palmer
Foto: Annabel Vered

Aber Marinas Story ist natürlich um so vieles tragischer als die banalen Geschichten, die unser Leben so schreibt. Gleich auf den ersten Seiten haut die grausame Realität so richtig rein: Sie wird dreißig. Und ihr Treuhandvermögen ist aufgegessen. Hilfe! Keine Chanel-Kleidchen mehr - und wovon bezahlt man jetzt drei Mal die Woche seinen Psychotherapeuten?

 

Tja, da können wir doch nur zurufen: Change your life, Marina! Das merkt sie dann auch sofort: "And that's when the wave elevated me out of the rubble of sadness. It lifted me up into the light. It was all so clear, so simple: I was going to quit my job, move to Buenos Aires and find myself a partner". Na, so schön hätten wir das natürlich nicht ausdrücken können. Und wir würden uns sofort fragen: Wie können wir das mit unserer Langzeitfinanzplanung und Altersvorsorge vereinbaren und wovon bezahlen wir Miete und Empañadas?

Wie gut, dass man den Papa überreden kann, monatliche 2000 Dollar auf den Tisch zu legen, zwecks Aufbaustudium Tango in Argentinien. Vorher allerdings lernen wir verschiedene Charaktere von Tangotänzern in New York kennen und überlegen natürlich sofort: Kennen wir den auch? Wer ist dieser Arrrrrmando mit dem Brilli im Ohr? Der außer Sacadas nur das eine im Kopf hat - und dazu eine hochneurotische und eifersüchtige Freundin? Aber Vorsicht, jeder, der die dreißiger Mitte überschritten hat, kommt in dem Buch schlecht weg. Da ist dann immer gleich die Rede von dem Geruch von "faulendem Fleisch" und Arrrrrmando knirscht schon mit "his false teeth". Kein Wunder, dass es dann mit der Verführung doch nicht klappt.

Auf den nächsten 200 Seiten verfolgt man dann die Suche nach dem idealen Partner in den Milongas von Buenos Aires. Außer ein bisschen Matetrinken kriegt man nicht so viel mit von der Stadt und Land und Leuten, aber das versteht man ja: Wer jede Nacht Tango tanzt, der muss am Tag einfach schlafen.

Irgendwann fühlt man sich dann als Leserin allerdings doch ein bisschen erschöpft, denn man kann einfach die ganzen Juans und Joses und Miguels und Fernandos nicht mehr auseinanderhalten. Und, ob's stimmt kann ich nicht beurteilen, unsere Heldin erlebt, dass die Suche nach dem idealen Tangopartner zwangsläufig durchs Bett führt. Wobei nicht immer der phantasievollste Tänzer auch der raffinierteste Liebhaber ist. Hört, hört, wer hätte das gedacht? Leider fallen einem mitten in diesen seitenlangen Beichten der letzten Nacht aus Langeweile die Augen zu, so dass stringentes Lesen nahezu unmöglich wird.

Zum Ende des Buches hin wird's zum Glück dann noch so richtig menschlich und (nein, ich verrate nicht den Schluss, keine Sorge) unsere Marina findet endlich ihren ersehnten Job als Tangotänzerin: Mit Pablo de los Pampas tanzt sie bei Wind und Wetter in der Calle Florida und dann wird der Hut rumgereicht (denn Pablo hat Alimente für sein außereheliches Baby zu löhnen und seine Frau und Partnerin denkt nicht im Traum daran, an der Beschaffung dieser Mittel mitzuwirken).

So ganz ansatzweise kriegen wir jetzt auch mit, dass die Wirtschaftslage in Argentinien ziemlich chaotisch ist (muss man sich mal vorstellen: Man geht zum Bankautomaten, um von seinem Konto in den USA abzuheben, und die einheimische Bank hat nicht mehr genügend Banknoten, um sie in diese Maschine zu füllen. Besser gesagt, Dollars sind schon längst aus dem Land geschafft. Noch so ein Hammer!)

Und wieder geschieht ein Wunder, sogar ein Weihnachtswunder, denn im größten Chaos wird sie zur Party auf eine Finca eingeladen, dessen Besitzer Santiago ein waschechter Gaucho mit satten Rinderherden ist und sie dann stilecht im Heu verführt. Ach, jetzt muss ich doch erst mal schluchzen. Aber mehr verrate ich jetzt wirklich nicht mehr.

Für jeden, der "Sex and the City"-süchtig ist, ist dieses Buch ein MUSS, und außerdem hochempfehlenswert für Insomniaks, die ein leichtes Schlafmittel ohne Risiken und Nebenwirkungen suchen, sowie für Englischlehrer, die gerne mit dem Rotstift in der Hand einen Roman lesen und sich dann freuen, dass nicht nur die eigenen Schüler mal daneben tippen. (Wie gefällt Euch das Wort: "farawayish"?)

Die 22,90 Euro des Buchs bei Amazon sind eigentlich fast geschenkt, denn man hat wirklich lange was davon. Irgendwann hat man sogar das Gefühl, dass das Buch immer dicker wird beim Lesen

Mein Geheimtipp: Lieber gleich zur Werbe-Webseite des Verlags gehen, denn die ist super unterhaltsam, man kann dort die heißesten Seiten des Buches nachlesen (der Rest ist eh nur Wiederholung), außerdem kriegt man sogar Tangomusik an den passenden Stellen serviert. Genau richtig für einen trüben Herbstabend. "People ask me, how do you separate the professional from the personal? The answer is: I don't. Even if you want to, you can't avoid the Laws of Physics: Two bodies that rub against each other for four hours, three times a week, causes friction. Friction causes sparks and sparks cause fire. And by definition tango is about containing the fire.." Tja, was soll man dazu noch sagen?

Als zusätzliches Bonbon kann man Marina auf der Website übrigens auch noch tanzen sehen - nur, wo man so schicke Silberfolienkleider kaufen kann, das, leider, wird uns hier nicht verraten.



www.kissandtango.com

Das Buch „Kiss and Tango“ gibt es bei unserem Partner Amazon:
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Ausgabe September 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)