Tango und die Gesetze der Mechanik
 


Teil 1

Text: Alberto Toledano
Übersetzung: Elke Koepping
Fachberatung: Andreas Doppler

Tango als eine Tanzform (Tango Danza) kann auch als Interaktion zweier materieller Körper in Bewegung umschrieben werden. Es scheint daher naheliegend, sich an das Thema aus Sicht der physikalischen Lehre der Mechanik anzunähern. Die Prinzipien und Gesetze dieser Wissenschaft beschäftigen sich mit den grundlegenden Konzepten von Raum, Zeit, Masse und Kraft. An dieser Stelle möchte ich mich ausschließlich mit Masse und Kraft in ihrer Beziehung zum Tango beschäftigen, während ich die Diskussion von Raum und Zeit auf einen späteren Artikel verweise.

Der menschliche Körper, als Masse, wird repräsentiert durch seinen Schwerpunkt (SP) und seine vertikale Achse (VA). Der Körperschwerpunkt ist der Punkt, an dem die Gesamtmasse des Körpers konzentriert werden könnte. Seine genaue Position hängt von der Form des Körpers ab, insbesondere von der räumlichen Verteilung seiner Masse. Beim Menschen findet sich der SP in unmittelbarer Nähe zum Nabel. Die VA verläuft durch den Kopf, entlang des Rückgrats und durch den SP. In einer natürlichen, stehenden Haltung teilt diese Achse den Körper in zwei gleichwertige und symmetrische Teile.

In der Tanzhaltung haben nun der Mann und die Frau jeweils den linken bzw. den rechten Arm erhoben, was bewirkt, daß sowohl der SP als auch die VA sich leicht von ihrer natürlichen Position aus in Richtung des erhobenen Armes verschieben. Dies wiederum zeigt, wie wichtig es ist, Tanzschritte, z. B. das Gehen in der Tanzhaltung zu üben, im Gegensatz zu einer Trainingshaltung, in der sich beide Arme seitlich am Körper befinden.

Die enge Umarmung im Tango zwingt die VA der Tänzer dazu, in präziser Verbindung miteinander zu operieren. Man kann sich daher einen gemeinsamen Körper vorstellen, der sich aus den beiden Körpern des Mannes und der Frau zusammensetzt. Dieser gemeinsame Körper besitzt seine eigene VA. Diese ergibt sich als Resultat aus den individuellen Achsen der Tänzer. Der Tango involviert als Tanz also das Zusammenspiel von drei Achsen.

Die Ober- und Unterkörper arbeiten als zwei getrennte, wenn auch sich ergänzende Einheiten. Die Hüfte ist das verbindende Element zwischen diesen beiden Teilen. Der Oberkörper oder auch Rahmen setzt sich aus den Armen und dem Torso zusammen, der Unterkörper aus den Beinen und Füßen, welche die Bodenhaftung der Tänzer definieren. Rahmen und Bodenhaftung spielen daher eine entscheidende Rolle dabei, vollkommenen Kontrolle über SP und VA zu erlangen, welche wiederum zu einer guten Balance, Stabilität und zu tänzerischer Einheit führt.

Der Rahmen operiert in stabiler Körperbewegung, d. h. es gibt keine relative Formveränderung der einzelnen Teile. Er bewegt sich als eine Einheit. Mit anderen Worten, die Arme dürfen nicht herabfallen, sich weder auf- noch abwärts bewegen, vor- oder zurück, während die Schultern entspannt sind und sich auf einer Höhe befinden. Es sollte in diesem Zusammenhang bemerkt werden, daß stabil nicht gleichbedeutend mit steif ist, sondern eher mit stark, in Verbindung stehend. Der Rahmen der Tänzer spielt dabei dieselbe Rolle wie der statische Rahmen eines Bauwerks, der einem Gebäude Form und Stütze gibt. In unserem Fall besteht die Form aus einer guten Körperhaltung und Eleganz. Ein solider, eleganter Rahmen wird daher erreicht, wenn man die Schultern zurücknimmt, den Brustraum öffnet, das Zwerchfell dabei wie einen Bogen anspannt und den erhobenen Arm stabil führt.

Wenn der Mann die Frau an seiner Brust und ihre rechte Hand in seiner linken hält, wird ein gewisser Druck aus dieser engen Umarmung entstehen. Wenn die Tänzer also einen starken, stabilen Rahmen aufrechterhalten, besteht eine wohl ausbalancierte Spannung zwischen ihnen. Der zusammengesetzte Körper befindet sich in einem Zustand der Ruhe, einzelne Bewegungsmomente lediglich nähern die Tänzer einander an, wobei ihre Körper gezwungen werden, sich auch auf einer tieferen emotionalen Basis miteinander zu verbinden.

Auf einer Milonga im Nirgendwo: ein Mann und eine Frau. Beide nehmen hin und wieder einen Schluck aus ihrem Glas. Gleichgültig beobachten sie die Tänzer, die über die Tanzfläche gleiten. Ein plötzlicher Augenkontakt, ein unmerkliches Nicken, und dieser Mann und diese Frau gehen aufeinander zu. Für die Dauer eines Augenblicks lernen sich diese beiden Fremden näher kennen. Ihre Körper drücken im Tanz Gefühle aus und tauschen Empfindungen. Sie leben eine intensive und intime Erfahrung, ohne ein einziges Wort zu wechseln. Es ist ein Tango...

Zurück an ihren Tischen nehmen sie die alte Routine wieder auf, als wäre in der Zwischenzeit nichts geschehen: ihre Augen folgen den Tänzern. (1996)


Teil 2

Im ersten Teil dieses Artikels habe ich die grundlegenden mechanischen Konzepte der Masse und der Kraft in ihrer Beziehung zum Tango betrachtet. Ich habe den Körperschwerpunkt (SP) und seine vertikale Achse (VA) definiert. Dann habe ich die Begriffe Rahmen und Bodenhaftung eingeführt und ihre Rolle beim Erreichen einer guten Balance, von Stabilität und tänzerischer Einheit betont. Im zweiten Teil meines Essays möchte ich die Diskussion über Rahmen und Bodenhaftung abschließen.

Der Rahmen oder Oberkörper besteht aus dem Torso und beiden Armen. Er charakterisiert die Eleganz der Tänzer. In der Tanzposition wird der Kontakt über die Brust hergestellt, die Zehen zeigen zueinander, sind aber leicht vom jeweiligen Partner entfernt. Im Ergebnis lehnen die Partner aneinander, ihre Körper formen ein umgekehrtes V. Ich bezeichne diese Position gerne als Bogen: Die umgekehrte V-Form impliziert Diskontinuität, einen abrupten Wechsel am Berührungspunkt, der Stelle, an der zwei verschiedenen Komponenten zusammengeklebt werden. Ein Bogen ist andererseits eine kontinuierliche, sanfte Kurve, die eine integrale Einheit suggeriert. Der Mann oder die Frau werden also zur Verlängerung des jeweiligen Tanzpartners. In dieser Konfiguration repräsentiert jeder Tänzer einen Halbbogen eines Gewölbes. Der Kontaktbereich an der Brust wird zum Schlußstein. Etwa in der Art wie der Schlußstein am Kopf eines Gewölbebogens die anderen Bauteile an ihrem Platz hält, tut dies auch der Kontakt der Tänzer im Brustbereich, der die notwendige Spannung erzeugt, um die Tänzer in perfekter Balance zu halten (Newton's drittes Gesetz*).

Die Bodenhaftung bezieht sich auf den Unterkörper, d. h. die Beine und Füße. Bodenhaftung wird zunächst durch leichtes Beugen der Knie erreicht. Diese Handlung verlagert natürlich den SP nach unten und erhöht somit die Stabilität. Der Fuß ist andererseits vollkommen entspannt, wenn das Körpergewicht auf das Spielbein verlagert wird. Im Ergebnis übt der Boden eine Gegenkraft auf das Standbein aus, was wiederum eine direkte Konsequenz aus Newton's drittem Gesetz ist. Diese Reaktion ist es, die den Tänzern hilft, zum nächsten Schritt zu schnellen. Zwischen jedem Schritt nun berührt die Innenseite des einen Beines die des anderen, während der Fuß des sich bewegenden Beines über den Boden schleift. Dies ermöglicht eine größere Kontrolle von SP und VA. Der ständige physische Kontakt mit dem Boden in Verbindung mit der Berührung der Beine an den Innenseiten gibt Sicherheit und ist von grundlegender Wichtigkeit, um die Balance zu halten.

Das Wissen der Tänzer um den Boden wird also über die Füße vermittelt. Die Tänzer müssen den Boden spüren, um sich vollständig seiner bewußt zu sein und um ihn zu einer Verlängerung ihrer Füße zu machen. Daraus resultiert eine Verbindung, um nicht zu sagen eine Beziehung zum Boden, dessen Reaktionen - im übertragenen und wörtlichen Sinne - den Tanz ermöglichen. In der Weise, wie ein Baum die Erde braucht um zu wachsen, brauchen die Tänzer den Boden, um einen Tango zu erschaffen. Unter diesem Licht besehen involviert der Tango die Interaktion von drei Partnern: Tänzer und Boden. Letzterer wird somit zur Leinwand, auf der die Füße, Pinseln gleich, die Emotionen der Tänzer in ihren verschiedenen Farben und Schattierungen nachzeichnen. (1996)

*Reaktionsprinzip: Ein Körper, der eine Kraft auf einen anderen Körper ausübt, erfährt eine Gegenkraft. Die Kraft, die der erste Körper auf den zweiten ausübt, muß die gleiche Größe haben wie die Kraft, die der zweite Körper auf den ersten ausübt. Kraft und Gegenkraft wirken in der entgegengesetzten Richtung. Lateinische Kurzform: Actio = Reactio.

Infos zu Loreen & Alberto: www.tanguero.com

Text erschien erstmals in: Tangodanza Nr. 3/2004.

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Ausgabe Dezember 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)