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Text: Elke Koepping
Tango soziologisch
Gabriele
Klein (Hg.),
Tango in Translation. Tanz zwischen Medien, Kulturen, Kunst und
Politik
TanzScripte Bd. 19,
transcript Verlag 2009
303 Seiten, dt./eng.
ISBN: 978-3837612042
UVP: 28,80 Euro
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Die im Juni frisch erschienene Sammlung wissenschaftlicher Aufsätze
zum Tango vereint weltweit die derzeit interessantesten Forschungsansätze
aus soziologischer, anthropologischer und tanzphilosophischer Sicht zum
Tango in einem Band. Darin zusammengefasst ist das Ergebnis der
Hamburger Tagung "Translation Dance – Translokale
Tanzkultur" aus dem November 2007, die im Rahmen des von Prof.
Gabriele Klein an der Hamburger Uni, Fachbereich Bewegungswissenschaft,
geleiteten Forschungsprojektes "Trans/nationale Identität und körperlich-sinnliche
Erfahrung. Lateinamerikanische Tanzkulturen im europäischen
Kontext" stattfand.
So unterschiedlich die Themen sein mögen, mit denen sich die
Aufsatzsammlung beschäftigt, so liegt den Aufsätzen in ihrer
Gesamtheit dennoch die zentrale These zugrunde, dass der Tango nicht nur
als "ein ästhetisches Hybrid aus Tanz, Musik und Literatur"
entstanden ist, sondern zudem als ein kulturelles Hybrid, das sich
parallel weltweit in lokalen Szenen in ganz unterschiedlicher Form
ausgeprägt und weiterentwickelt hat. Ganz im Gegensatz zu den
Unkenrufen vieler Tangotraditionalisten, die nicht nur meinen, das Recht
auf die Verteidigung des einzig wahren und ursprünglichen Tango
gepachtet zu haben, sondern auch gleich noch der Auffassung sind, sie hätten
ihn irgendwo 'gefunden', ergibt die analytische Betrachtung von
Geschichte und globaler Entwicklung mithin ein ganz anderes Bild.
Die "Übersetzung" des zunächst körperlich-sinnlich erlern-
und erfahrbaren Tanzes in unterschiedliche Medien, in das Medium der
Sprache z. B., im Sinne einer "Be-Schreibbarkeit" der
subjektiven körperlichen Erfahrung einer Tänzerin oder eines Tänzers
und in andere Medien wie Film oder Bild weise dem Tango erst "einen
'Ort' in den zeitgenössischen Kunst- und Kulturdiskursen" zu, so
Klein in der Einleitung zu "Tango in Translation". Und fügt
hinzu, dass daneben auch eine lebensgeschichtliche Relevanz des Tango für
die subjektive Erfahrungswelt der Tänzer existiert, nämlich über die
Kontextualisierung innerhalb der eigenen Biographie.
Wer kennt sie nicht, die unzähligen Geschichten, die der Tango
schreibt? "Ich kam zum Tango nach dem Ende einer tragischen unerfüllten
Liebesgeschichte" oder "ich war unglücklich in meine
Tanzpartnerin / meinen Tanzpartner verliebt" gehören sicherlich zu
den am häufigsten erzählten Begebenheiten, die Tänzerinnen und Tänzer
zur Beschreibung ihrer eigenen Tango-Biographie heranziehen. Und in der
Summe sind all diese Erzählungen eben nicht nur rein individuelles
Erleben, sondern ein weiteres Bausteinchen in der Weiterentwicklung des
Mythos, der den Tango (auch) ausmacht.
Eine Fülle jüngst erschienener Romane, Bildbände sowie fiktionaler
und dokumentarischer Filmproduktionen zum Tango, und das weltweit,
belegt eindrucksvoll, dass dieser öffentliche, kulturelle Diskurs zum
Tango auf ein immer breiteres Interesse stößt. Sei es, weil die
weltweiten Tangoszenen nach wie vor wachsen oder weil der Tango als Phänomen
mit all seinen Zuschreibungen von "Erotik, Sinnlichkeit, Nähe"
in der Öffentlichkeit auch zum Symbol für das Fehlen eben dieser
Aspekte in einer mehr und mehr technisierten Alltagswelt begriffen wird.
Exemplarisch herausgehoben seien insbesondere folgende Aufsätze:
Jochen Dreher und Silvana K. Figueroa-Dreher, "Soñando todos el
mismo sueño. Zur rituellen Überschreitung kultureller Grenzen im
Tango" schreiben dem Tanz eine kollektivbildende, identitätsstiftende
Qualität zu und fassen die "Umarmung" im Tanz als räumlich
lokalisierbare und zeitlich begrenzte, ritualisierte Form der
zwischenmenschlichen Begegnung auf, wobei sie dies interessanterweise im
Rückgriff auf christliche und vorchristliche Vorstellungen der "communitas"
erläutern.
Paula-Irene Villa, die sich bereits seit einigen Jahren wiederholt mit
dem Tango unter Genderaspekten beschäftigt, beschreibt sehr anschaulich
das, was jede Tänzerin und jeder Tänzer auf der Milonga immer wieder
erlebt: das Scheitern oder den Erfolg des Tangoabends aus subjektiver
Perspektive. In "'Das fühlt sich so anders an...' Zum produktiven
'Scheitern' des Transfers zwischen ästhetischen Diskursen und tänzerischen
Praxen im Tango" führt sie sehr anschaulich vor Augen, dass im
Grunde auf jeder Milonga neu unter Beweis gestellt werden muss, wo die
oder der Tanzende sich auf der Skala tänzerischer Fähigkeiten und
Zugehörigkeiten zu bestimmten Szenen (Neo oder Traditionell) eigentlich
bewegt. Wer sich nicht zeigt und nicht von sich Reden macht, gerät in
der Tangogemeinde schnell in Vergessenheit. Welche Folgende kennt das
Problem nicht: ein halbes Jahr mal privat andere Prioritäten gesetzt
und schon wird frau zum unaufgeforderten Mauerblümchen am Rande der
Milonga, weil eine keiner mehr kennt...
Jeffrey Tobin und Ramsay Burt beschäftigen sich in ihren Aufsätzen in
ganz unterschiedlicher Blickrichtung erfrischenderweise mit der
Genderfrage einmal im Blick auf die holde Männerwelt und die
Inszenierung von Männlichkeits-/(Macho-)idealen im Tango.
Hochinteressant der Artikel von Franco Barrionuevo Anzaldi, "Der
peronistische Nationaldiskurs in der Tangoschreibung der 1960er
Jahre", dem es gelingt, die beständige Suche nach dem ursprünglichen,
volkstümlichen und vermeintlich "authentischen" Tango in die
Blut- und Boden-Metaphorik der Peronisten zurück zu verfolgen – bis
heute werden diese Begriffe recht unreflektiert und vermutlich via mündliche
Überlieferung durch argentinische Tangolehrer eben dieser Generation
weiterverbreitet, so dass sie sich auch gerne hierzulande in der beständigen
Reflexion der Frage "Ist das eigentlich Tango?" zu
Neuentwicklungen im Tanz wiederfinden.
Last but not least soll auf die tanzphilosophischen Betrachtungen Erin
Mannings hingewiesen werden, "Incipient Action – The Dance of the
Not-Yet". Sie beschreibt darin den Tango als Tanz des "Noch
nicht", des Zwischenzustandes einer potentiellen Bewegung zwischen
einer Hinwendung des Führenden zur Geführten und ihrer möglichen
Reaktion auf dieses Angebot, den Tänzerkörper als eine kommunikative
Einheit von zwei Körpern, die sich gemeinsam bewegen und diese Bewegung
im Raum gemeinsam erfahren. Der von ihr "Intervall" genannte
Zwischen-Zustand und Zwischen-Raum drückt sich in der sichtbaren,
improvisierten Tanzbewegung, einem eben nirgends vorgeschriebenen
Bewegungsablauf aus.
Der Sammelband sollte in keinem Bücherregal von Tänzerinnen und Tänzern
fehlen, die sich tiefergehender mit dem Tango und seiner kulturellen
Entwicklung beschäftigen möchten. Es bietet interessante Erkenntnisse
und Einblicke in Bereiche des Tangolebens, die in der Lektüre von
Zeitschriftenartikeln und rein historischen / dokumentarischen Arbeiten
fehlen. Einige Artikel setzen zum Verständnis zudem eine gute Kenntnis
der englischen Sprache voraus.
Es ist hingegen für Menschen, die leichtverdauliche Kost in ihrer Lektüre
bevorzugen definitiv nicht zu empfehlen. Aber die wären schon bei
diesem Artikel nicht bis ans Ende gelangt ...
Als
ergänzende Lektüre zu diesem Aufsatzband sei weiterhin auf das
aufregende Werk von Marta E. Savigliano, "Tango and the Political
Economy of Passion" hingewiesen, ebenfalls ein Muss für jeden TänzerInnenhaushalt.
Nachfolgend
die Bestellmöglichkeit der genannten Bücher:
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Ausgabe Juli 2009
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