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Da russischer Tango bei
vielen Tangotänzern und -tänzerinnen als willkommene Abwechslung und
Ergänzung zum Tango vom Rio de la Plata angesagt ist, freuen wir uns über
eine Neuerscheinung, die Ende vergangenen Jahres von Oriente Musik auf
den Weg gebracht wurde: ,Gloomy Sunday: 1931 - 37' von Pjotr
Leschenko ist nicht das erste Album des russischen Sängers von Tangos
und Zigeunerromanzen, das vom Berliner Label veröffentlicht wurde. Und
es ist beeindruckend, dass man bei den alten Aufnahmen immer wieder
Neues entdecken kann. Neben dem weltberühmten
Titelstück ,Mratschnoje Woskresenje' (Gloomy Sunday), das der Legende nach
viele Menschen in den Suizid getrieben hat, sind auf der CD weitere 22
Titel vertreten. Darunter neun Tangos, die in bewährter
Leschenko-Manier stimmlich wie musikalisch überzeugen und zudem tanzbar
sind. Man spürt förmlich, mit welch innerer Überzeugung der
charismatische Sänger seine Musik interpretiert. Und zwar unabhängig
von allen Anfeindungen. Sowjetische Kulturpolitiker stuften seine Werke
als dekadent und bourgeois ein. Seiner ungeheuren Popularität in
Russland tat das allerdings keinen Abbruch. Seine Platten wurden auf dem
Schwarzmarkt gehandelt und illegal nachgepresst.
Besonders unter die
Haut geht das gefühlvolle ,Spi, Moje Bednoje Serdtse', frei übersetzt
,Schlafe, armes Herz'. Hier werden pure Emotionen freigesetzt und
man wird von Leschenkos musikalischen Harmonisierungen total in den Bann
gezogen. ,Skutschno'
(Langeweile) ist ein weiterer Tango der CD, der typisch für Leschenko
ist: schmachtend, ohne zu nerven! Und das liegt vielleicht daran, dass
bei Pjotr immer ein Anflug von Selbstironie mitschwingt. Vor allem bei
,Ty I Eta Gitara' (Du und diese Gitarre) ist man bei aller
Melancholie geneigt, das Leben zu bejahen bis in
seine Leiden hinein, um an dieser Stelle ein Zitat von Camus
aufzugreifen. Ähnlich verhält es sich bei dem Tango ,Uwjali Grezy'
(Die Träume verblassen), einem weiteren Highlight der CD. Hier ist man
geneigt, einem vertrauten Menschen sein Herz auszuschütten und bei
einem guten Wodka bis in den neuen Tag hinein über das Leben zu
philosophieren. Beim ersten Hören nicht ganz so überzeugend ist der
Tango ,Miranda', aber im Gegensatz zu manch anderen Aufnahmen immer
noch überzeugend genug, um bei einer Flasche Rotwein einer verflossenen
Liebe nachzutrauern. Das Gleiche gilt für den Tango ,Wino Ljubwi'
(Liebeswein). Der Titel sagt alles! Bei ,Ja By Tak Chotel
Ljubit' (Gerne würde ich auf diese Art lieben) scheint Leschenko uns
gnadenlos darauf hinzuweisen, wozu viele von uns nicht mehr fähig sind:
zur bedingungslosen, verbindlichen Liebe!
Da alles im Leben
irgendwann einmal ein Ende hat, klingt das Album mit dem hörenswerten
Tango ,Moje Posledneje Tango' (Mein letzter Tango) aus. Leschenko
beweist, dass Melancholie und ein Anflug von ironisiertem Selbstzweifel
durchaus dazu geeignet sind, sein Herz ernst zu nehmen, eine
wohlwollende Offenheit gegenüber den Geschehnissen des Alltags zu
entwickeln und daraus Genuss zu entwickeln. Insgesamt ist die CD
zwischen ukrainischer und russischer Folklore mit den Tangos, Romanzen
und Foxtrotts angenehm abwechslungsreich und absolut empfehlenswert und
für alle ein Muss, die ein Faible für die russische Seele haben. Die
Veröffentlichung beweist, dass kleine Labels weiterhin in der Lage sind
zu überraschen und uns mit guter Musik zu verwöhnen. Von der Majors
kamen in letzter Zeit oftmals leider nur mittelmäßige bis schlechte
Produktionen auf den Markt (z.B. Carel Kraayenhof oder Cristóbal
Repetto). Und das liegt sicher daran, dass die so genannten
,Kleinen' mit Herz produzieren und nah am Thema sind, während bei
den ,Global Playern' die Nischen-Produkte nur als Beiwerk behandelt
werden, da diese keine großen Gewinnmargen mit sich bringen. Und Leschenko? Nach
Stalins Tod und zwei Jahren im Arbeitslager bei Bukarest starb er. Eine
Grabstelle gibt es nicht. Informationen über die CD direkt beim Label: Link...
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