CD-Rezension
 


"Gloomy Sunday - 1931 bis 37"
von Pjotr Leschenko


Label: Oriente Musik, Berlin
Best.-Nr.: RIEN CD 54
Spieldauer: 1:11:05

Text: Jörg Buntenbach

 

Da russischer Tango bei vielen Tangotänzern und -tänzerinnen als willkommene Abwechslung und Ergänzung zum Tango vom Rio de la Plata angesagt ist, freuen wir uns über eine Neuerscheinung, die Ende vergangenen Jahres von Oriente Musik auf den Weg gebracht wurde: ,Gloomy Sunday: 1931 - 37' von Pjotr Leschenko ist nicht das erste Album des russischen Sängers von Tangos und Zigeunerromanzen, das vom Berliner Label veröffentlicht wurde. Und es ist beeindruckend, dass man bei den alten Aufnahmen immer wieder Neues entdecken kann.

Neben dem weltberühmten Titelstück ,Mratschnoje Woskresenje' (Gloomy Sunday), das der Legende nach viele Menschen in den Suizid getrieben hat, sind auf der CD weitere 22 Titel vertreten. Darunter neun Tangos, die in bewährter Leschenko-Manier stimmlich wie musikalisch überzeugen und zudem tanzbar sind. Man spürt förmlich, mit welch innerer Überzeugung der charismatische Sänger seine Musik interpretiert. Und zwar unabhängig von allen Anfeindungen. Sowjetische Kulturpolitiker stuften seine Werke als dekadent und bourgeois ein. Seiner ungeheuren Popularität in Russland tat das allerdings keinen Abbruch. Seine Platten wurden auf dem Schwarzmarkt gehandelt und illegal nachgepresst.

Historisch gesehen ist es zudem bemerkenswert, dass der Tenor Leschenko in ganz Europa sein Publikum fand. Die vorliegenden Aufnahmen entstanden zwischen 1931 und 1937 in Berlin, London und Riga.  

Besonders unter die Haut geht das gefühlvolle ,Spi, Moje Bednoje Serdtse', frei übersetzt ,Schlafe, armes Herz'. Hier werden pure Emotionen freigesetzt und man wird von Leschenkos musikalischen Harmonisierungen total in den Bann gezogen.

,Skutschno' (Langeweile) ist ein weiterer Tango der CD, der typisch für Leschenko ist: schmachtend, ohne zu nerven! Und das liegt vielleicht daran, dass bei Pjotr immer ein Anflug von Selbstironie mitschwingt. Vor allem bei ,Ty I Eta Gitara' (Du und diese Gitarre) ist man bei aller Melancholie geneigt, das Leben zu bejahen bis in  seine Leiden hinein, um an dieser Stelle ein Zitat von Camus aufzugreifen. Ähnlich verhält es sich bei dem Tango ,Uwjali Grezy' (Die Träume verblassen), einem weiteren Highlight der CD. Hier ist man geneigt, einem vertrauten Menschen sein Herz auszuschütten und bei einem guten Wodka bis in den neuen Tag hinein über das Leben zu philosophieren. Beim ersten Hören nicht ganz so überzeugend ist der Tango ,Miranda', aber im Gegensatz zu manch anderen Aufnahmen immer noch überzeugend genug, um bei einer Flasche Rotwein einer verflossenen Liebe nachzutrauern. Das Gleiche gilt für den Tango ,Wino Ljubwi' (Liebeswein). Der Titel sagt alles!

Bei ,Ja By Tak Chotel Ljubit' (Gerne würde ich auf diese Art lieben) scheint Leschenko uns gnadenlos darauf hinzuweisen, wozu viele von uns nicht mehr fähig sind: zur bedingungslosen, verbindlichen Liebe!

,Osennij Mirasch' (Herbstliche Erscheinung) erzählt uns von der Hoffnung, dass es da noch etwas gibt, auf das es sich zu warten lohnt. Bei allen Rückschlägen, die das Leben mit sich bringt.

Da alles im Leben irgendwann einmal ein Ende hat, klingt das Album mit dem hörenswerten Tango ,Moje Posledneje Tango' (Mein letzter Tango) aus. Leschenko beweist, dass Melancholie und ein Anflug von ironisiertem Selbstzweifel durchaus dazu geeignet sind, sein Herz ernst zu nehmen, eine wohlwollende Offenheit gegenüber den Geschehnissen des Alltags zu entwickeln und daraus Genuss zu entwickeln.

Insgesamt ist die CD zwischen ukrainischer und russischer Folklore mit den Tangos, Romanzen und Foxtrotts angenehm abwechslungsreich und absolut empfehlenswert und für alle ein Muss, die ein Faible für die russische Seele haben. Die Veröffentlichung beweist, dass kleine Labels weiterhin in der Lage sind zu überraschen und uns mit guter Musik zu verwöhnen. Von der Majors kamen in letzter Zeit oftmals leider nur mittelmäßige bis schlechte Produktionen auf den Markt (z.B. Carel Kraayenhof oder Cristóbal Repetto). Und das liegt sicher daran, dass die so genannten ,Kleinen' mit Herz produzieren und nah am Thema sind, während bei den ,Global Playern' die Nischen-Produkte nur als Beiwerk behandelt werden, da diese keine großen Gewinnmargen mit sich bringen.

Und Leschenko? Nach Stalins Tod und zwei Jahren im Arbeitslager bei Bukarest starb er. Eine Grabstelle gibt es nicht.

Informationen über die CD direkt beim Label: Link...

Die CD "Gloomy Sunday - 1931 bis 37"
von Pjotr Leschenko gibt es bei unserem Partner Amazon (mit Hörproben):

jetzt bestellen / order now

 

Möchten Sie einen Leserbrief zu diesem Artikel schreiben?
Email an: Leserbriefe@tangokultur.info 

 

Ausgabe März 2006

 


Email:
willkommen@tangokultur.info

Im Internet:
www.tangokultur.info

Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)