Buch-Rezension
 


Im Himmel Tango von Elsa Osorio

Text: Veronika Fischer

Insel Verlag
Veröffentlichung: 19. März 2007
ISBN 978-3-458-17338-0

Endlich ein neuer Tangoroman! Und der Klappentext lässt Spannendes erwarten: eine Verknüpfung von Gegenwart und Historie, ein 500-seitiger Parforceritt durch 100 Jahre argentinischer und Tango-Geschichte. Seit „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“ ist allen Tango-Leseratten dieses Konzept bekannt, und damit stellt sich die Autorin in große Fußstapfen. Zu große, wie sich leider herausstellt – doch fangen wir am Anfang an.

Dort steht ein Stammbaum. César, der drei Kinder – Hernan, Inés und César – hat, die auch ihrerseits wieder Kinder haben – César, Mercedes und Francisco, und natürlich Geliebte und Jugendlieben – Miguel und Carlota und Yvonne – und dann noch das Hausmädchen Asunción, das allerdings auswandert und ein Kind bekommt, mit einem dritten Mann zusammenlebt, um dann wieder zurückzukehren und mit dem Jugendfreund der Tochter – spätestens nach drei Minuten Nachdenken schwirrt mir der Kopf, und auch während des Lesens blättere ich alle paar Seiten zur mittlerweile um weitere Querverbindungen ergänzten Genealogie zurück. Dazu noch ein paar Nebenfiguren, und der Personenwirrwarr ist komplett. Dass dann auch noch die im Tangohimmel Anwesenden dazwischenplappern und gelegentlich der Tango als Abstraktum das Wort erhebt, macht die Sache nicht gerade einfacher. Der Geschichte kann man trotzdem folgen, aber eine Reduzierung hätte dem Handlungsfluss nicht eben geschadet.

Die Handlung beginnt dann auch flüssig in der Gegenwart, wo sich die Protagonisten auf einer Milonga – Le Latina in Paris, dieses zutiefst chaotische Nestchen der Tangoverrückten über einem Kino – kennenlernen. Doch schon die erste Schilderung rutscht ins Klischee ab: Volantkleid, schlanke Beine, Sinnlichkeit und Sicherheit, gebannte Blicke, dazwischen ein bisschen Bandoneón. So entdeckt der Leser die jüngste Tango-Generation des Buches: Ana in Paris, und Luis in Buenos Aires, so typisch desilusioniert, wie es nur die 1980er-Kinder sein können: von sich selbst und vom Leben enttäuscht, haben sie den Tango wiederentdeckt, ganz neu und ganz anders, Sinnsuche und Sucht.

Ihre Eltern dagegen haben mit Tango rein gar nichts zu tun. Hernán und Marie mussten aufgrund politischen Engagements während der Militärdiktatur fliehen, und leben nun in Paris im Exil. Sie wollen sich weder an die Heimat noch können sie sich an den Tango erinnern, dieses alte (und so völlig unpolitische) Relikt aus besseren Tagen, das man als Revolutionär nicht tanzt. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist es der Tango ihrer Tochter, der sie zu Tränen rührt und die Aufarbeitung ihres Schicksals anstößt.

Über die Eltern finden wir schließlich zu den Urgroßeltern, die die Anfänge des Tangos bestimmt haben. Ihre Geschichte in den frühen Jahres des vergangenen Jahrhunderts ist vorherrschend im Buch, ausführlich geschildert, aber dabei facettenreich und plastisch. Das weite Beziehungsnetz, die sozialen und kulturellen Gefüge, die Einzelschicksale und die politische Entwicklung, das alles formt sich zu einem mitreißenden Strudel.

Die drei Generationen verknüpft ein ehrgeiziges Projekt: Luis will einen Film über seinen Vorfahren, einen fiktiven Tango-Komponisten, drehen, stöbert in der Vergangenheit, entdeckt dabei seine und Anas Wurzeln – und heuert sie schließlich für die Recherche an. In deren Verlauf entdeckt Ana selbst, und wir mit ihr, die Geschichte des Tangos wie auch die Geschichte ihrer Familie, und beider Verwoben-Sein in dem Schicksal ihres Herkunftslandes Argentinien.

Kompliziert? Ja. Zu gekünstelt? Nicht unbedingt. Die Basis-Geschichte aus den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts liest sich gefällig und sanft-nostalgisch wie durch den Schimmer sepiabrauner Fotos, während im Hintergrund eine kratzige Schrammeltango-Version läuft. Genau dieses Flair hätte sich der Roman bewahren sollen: keine angedeutete Weiterführung des Familienschicksals durch die Zeit der Militärdiktatur, vor allem, da die Autorin hier seltsam vage bleibt und den Schrecken nicht in Worte zu fassen vermag. Auch kein Gegenwartsbezug mit dem verschrobenen Pärchen aus arbeits- und motivationslosem Argentinier und tangotanzender und wahrheitssuchender französischen Argentinierin, die schwupps durch sein Auftauchen die verlorenen Wurzeln aufdeckt, noch rasch die Wirtschaftskrise im heutigen Argentinien miterlebt, bevor sie aufseufzend ihrem Herzenstanguero an die Brust fällt. Und auch der Tango – soviel über ihn und um ihn herum geschrieben wird – bleibt seltsam ungreifbar in diesem Buch, seine Faszination wird allenfalls indirekt spürbar.

Ein Leseerlebnis ist „Im Himmel Tango“ mit Sicherheit, und für verregnete Frühlingsnachmittage oder Sonntage, die dank geschwollener Füße im Bett verbracht werden müssen, ist er eine angenehme Begleitung. Den erweckten Erwartungen kann das Buch jedoch leider nicht gerecht werden – himmlisch ist diese Tangogeschichte nicht.


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Die Lesereise zum Buch führt die Autorin Elsa Osorio in folgende Städte (siehe auch Hinweise in unseren regionalen Veranstaltungskalendern):

  • 23.04.07: München, Instituto Cervantes

  • 24.04.07: Frankfurt/Main, Fabrik

  • 25.04.07: Köln, Andere Buchladen

  • 26.04.07: Stuttgart, Literaturhaus Stuttgart

Das Buch Im Himmel Tango von Elsa Osorio ist online bei unserem Partner Amazon erhältlich:

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Ausgabe April 2007

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)