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Endlich ein neuer
Tangoroman! Und der Klappentext lässt Spannendes erwarten: eine Verknüpfung
von Gegenwart und Historie, ein 500-seitiger Parforceritt durch 100
Jahre argentinischer und Tango-Geschichte. Seit „Drei Minuten mit der
Wirklichkeit“ ist allen Tango-Leseratten dieses Konzept bekannt, und
damit stellt sich die Autorin in große Fußstapfen. Zu große, wie sich
leider herausstellt – doch fangen wir am Anfang an. Dort steht ein
Stammbaum. César, der drei Kinder – Hernan, Inés und César – hat,
die auch ihrerseits wieder Kinder haben – César, Mercedes und
Francisco, und natürlich Geliebte und Jugendlieben – Miguel und
Carlota und Yvonne – und dann noch das Hausmädchen Asunción, das
allerdings auswandert und ein Kind bekommt, mit einem dritten Mann
zusammenlebt, um dann wieder zurückzukehren und mit dem Jugendfreund
der Tochter – spätestens nach drei Minuten Nachdenken schwirrt mir
der Kopf, und auch während des Lesens blättere ich alle paar Seiten
zur mittlerweile um weitere Querverbindungen ergänzten Genealogie zurück.
Dazu noch ein paar Nebenfiguren, und der Personenwirrwarr ist komplett.
Dass dann auch noch die im Tangohimmel Anwesenden dazwischenplappern und
gelegentlich der Tango als Abstraktum das Wort erhebt, macht die Sache
nicht gerade einfacher. Der Geschichte kann man trotzdem folgen, aber
eine Reduzierung hätte dem Handlungsfluss nicht eben geschadet. Die Handlung beginnt
dann auch flüssig in der Gegenwart, wo sich die Protagonisten auf einer
Milonga – Le Latina in Paris, dieses zutiefst chaotische Nestchen der
Tangoverrückten über einem Kino – kennenlernen. Doch schon die erste
Schilderung rutscht ins Klischee ab: Volantkleid, schlanke Beine,
Sinnlichkeit und Sicherheit, gebannte Blicke, dazwischen ein bisschen
Bandoneón. So entdeckt der Leser die jüngste Tango-Generation des
Buches: Ana in Paris, und Luis in Buenos Aires, so typisch
desilusioniert, wie es nur die 1980er-Kinder sein können: von sich
selbst und vom Leben enttäuscht, haben sie den Tango wiederentdeckt,
ganz neu und ganz anders, Sinnsuche und Sucht. Ihre Eltern dagegen
haben mit Tango rein gar nichts zu tun. Hernán und Marie mussten
aufgrund politischen Engagements während der Militärdiktatur fliehen,
und leben nun in Paris im Exil. Sie wollen sich weder an die Heimat noch
können sie sich an den Tango erinnern, dieses alte (und so völlig
unpolitische) Relikt aus besseren Tagen, das man als Revolutionär nicht
tanzt. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist es der Tango ihrer
Tochter, der sie zu Tränen rührt und die Aufarbeitung ihres Schicksals
anstößt. Über die Eltern finden
wir schließlich zu den Urgroßeltern, die die Anfänge des Tangos
bestimmt haben. Ihre Geschichte in den frühen Jahres des vergangenen
Jahrhunderts ist vorherrschend im Buch, ausführlich geschildert, aber
dabei facettenreich und plastisch. Das weite Beziehungsnetz, die
sozialen und kulturellen Gefüge, die Einzelschicksale und die
politische Entwicklung, das alles formt sich zu einem mitreißenden
Strudel. Die drei Generationen
verknüpft ein ehrgeiziges Projekt: Luis will einen Film über seinen
Vorfahren, einen fiktiven Tango-Komponisten, drehen, stöbert in der
Vergangenheit, entdeckt dabei seine und Anas Wurzeln – und heuert sie
schließlich für die Recherche an. In deren Verlauf entdeckt Ana
selbst, und wir mit ihr, die Geschichte des Tangos wie auch die
Geschichte ihrer Familie, und beider Verwoben-Sein in dem Schicksal
ihres Herkunftslandes Argentinien. Kompliziert? Ja. Zu gekünstelt?
Nicht unbedingt. Die Basis-Geschichte aus den ersten Jahrzehnten des
vergangenen Jahrhunderts liest sich gefällig und sanft-nostalgisch wie
durch den Schimmer sepiabrauner Fotos, während im Hintergrund eine
kratzige Schrammeltango-Version läuft. Genau dieses Flair hätte sich
der Roman bewahren sollen: keine angedeutete Weiterführung des
Familienschicksals durch die Zeit der Militärdiktatur, vor allem, da
die Autorin hier seltsam vage bleibt und den Schrecken nicht in Worte zu
fassen vermag. Auch kein Gegenwartsbezug mit dem verschrobenen Pärchen
aus arbeits- und motivationslosem Argentinier und tangotanzender und
wahrheitssuchender französischen Argentinierin, die schwupps durch sein
Auftauchen die verlorenen Wurzeln aufdeckt, noch rasch die
Wirtschaftskrise im heutigen Argentinien miterlebt, bevor sie
aufseufzend ihrem Herzenstanguero an die Brust fällt. Und auch der
Tango – soviel über ihn und um ihn herum geschrieben wird – bleibt
seltsam ungreifbar in diesem Buch, seine Faszination wird allenfalls
indirekt spürbar.
Die Leseprobe zum Buch beim Insel Verlag: >>jetzt lesen Buch online bestellen: >>hier... Die Lesereise zum Buch führt die Autorin Elsa Osorio in folgende Städte (siehe auch Hinweise in unseren regionalen Veranstaltungskalendern):
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