Würziger Orient - zwischen Bazar und Märchen aus 1001 (Tango-)Nacht
 


das 4. Internationales Tangofestival in Istanbul, vom 5. – 8. Juli 2007

Text: Robert Schmitz-Niehaus
Bilder: RSN, Aydogan

Es war im Februar, denke ich, zu der Zeit im Jahr wenn es noch kalt, feucht und ungemütlich bei uns ist. Der Stockholm 59° Tango-Marathon stand vor der Tür – aber meine Planung musste ja weitergehen. Studierte ich also den Festivalkalender dieses Onlinemagazins, kam mir der Link zum Istanbul-Festival unter die Augen. Terminlich passte das, ich ging auf die Seite. Gosh – da blieb mir die Spucke weg bei den Bildern. Sultans Palace, 600 m² Tanzfläche,... ich hing am Haken, hatte den Köder geschluckt!

Die Reiseinformationen, die von der Website herunter zu laden waren,  haben sich als äußerst wertvoll erwiesen, hierbei insbesondere die türkische Wegbeschreibung zum Hotel. Sie sparte mir auf dem Weg vom Flughafen glatt 75 Euro, da ich meinen Weg via öffentlicher Verkehrmittel bewältigen konnte – und natürlich auch mit Hilfe der freundlichen Passanten. Der Weg nahm etwa 2 Std. in Anspruch.  Ich bekam schon einen Eindruck von der 16 Millionen Einwohner zählenden Stadt. Ihren Abschluss nahm die Anreise mit einer Fahrt auf der Fähre zum asiatischen Teil der Stadt über den Bosporus.

Das Festival fand an drei Orten statt: dem Sportclub Dalyan, dem Adile Sultan Palast und in dem historischen Bahnhof  Haydarpasa, Startpunkt des Orientexpress auf asiatischer Seite. In dem Club, eine großzügige Anlage mit Tennisplätzen, einem Swimmingpool, Restauration und Clubhaus fanden alle Workshops sowie zwei der Milongas statt. Am Donnerstag open air die Erste, am Pool bei wunderbar sommerlichen Temperaturen und einer leichten Brise, auf poliertem Travertin, mit Live-Musik von TANGO + ,einem türkischen Ensemble mit einer bis zu zwei Personen starken Gesangsbesetzung. Schöne Musik haben die gespielt, und kultiviert ging es auf der Tanzfläche zu, auf hohem Niveau – eine wahre Freude! Alle während des Festivals unterrichtenden Maestros gaben einen gemeinsamen Showtanz, wie auch an den folgenden Abenden Einzelshows: Pablo & Dana, Sebastiano & Mariana, Celine & Damian sowie Adrian & Alejandra. Bemerkenswert noch: ein türkisches Nachwuchspaar, Evren Sayin & Vanessa Gauch, tanzte einen schwungvollen, offen Nuevo.

Der folgende Abend dann: das heiß ersehnte Highlight, tanzen im Sultans Palast! Der lag eine Stunde Fahrt mit dem Bus entfernt am Rand der Stadt. Transfer übrigens wie mehrfach täglich mit dem perfekt organisierten Shuttleservice! Manchmal ließ die Pünktlichkeit ein wenig zu wünschen übrig, aber das war der einzige Malus, ansonsten hatte das Team um Aydogan einen perfekten Event organisiert – Kompliment! Nach der Fahrt entließ der Bus seine Insassen auf einer majestätisch gelegenen Anhöhe über dem Bosporus am Sultans Palast. Hinein in das Gebäude, im ersten Stock dann der Saal: WOW, das war wie auf dem Bild im Netz! Allerdings war die Tanzfläche nicht 600 m² groß, sondern die Etage, aber das Oval und die Dimension waren überwältigend. Eine wundervolle Tangonacht verbrachte ich hier auf  einzigartigem Terrain, zusammen mit etlichen Chaoten und vielen tollen Tänzerinnen.

Am Samstag Abend dann die zweite große Milonga: im alten Bahnhof. Dieser lag direkt am Hafen, mit Blick auf den europäischen Teil Istanbuls mit einzigartigem Panorama. Die eigentliche Überraschung war aber der Bahnhof selbst: er ist historisch – wunderschön – und: er ist voll in Betrieb! Aydogan hatte einfach die Schalterhalle für den Publikumsverkehr gesperrt, damit wir alle - Gäste aus Indonesien, Asien, ganz Europa, Nord- und Südamerika - dort tanzen konnten. Und das zu einer echten Überraschung: dem zweiten öffentlichen Auftritt von Istanbul Academia Project. Was hier kam haute mich aus den Schuhen, klang wie eine Synthese aus Otros Aires, Narcotango und Gotan Project: wunderschönster elektronischer Tango Nuevo mit unverwechselbaren, teils außergewöhnlichen Instrumenten: einer traditionellen Ney, einem seit 5000 Jahren existierenden Blasinstrument und Vorläufer der modernen Flöte; einem großen „Becken“, dem Bendir, einer wunderbaren Geige und einem Bandoneon. Vielleicht gibt es ja bald konservierte Musik zu kaufen... Auch diese Milonga war dann leider viel zu früh, wie alle anderen auch,  um 3:00 zu Ende. Allerdings: dann gingen wir erst mal was essen an der Uferpromenade. Da war noch rege Betriebsamkeit um diese Uhrzeit. Etliche Tango-Grüppchen stillten Hunger und Durst mit dem was die türkische Küche zu bieten hatte, so dass die Nacht doch noch lang wurde ....

Den  Abschluss des fröhlichen Miteinanders bildete die Sonntagsmilonga wieder im Club Dalyan, diesmal drinnen, beengter aber ohne die Quertreiber aus den großen Veranstaltungen.
Viele neue, schöne Bekanntschaften habe ich gemacht und mit ihnen und alten Bekannten von anderen Festivals den gewohnt tollen Unterricht bei allen Lehrern des Festivals genossen. Istanbul war ein Highlight meiner Festivalerfahrungen. Absolut empfehlenswert, und so mir hoffentlich möglich werde ich nächstes Jahr Anfang Juli wieder im Flieger sitzen.

 

Linktipp: Tango-Festivals in Europa >>jetzt ansehen

 

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Ausgabe August 2007

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)