Reisebericht
 


"Tangobrücke zwischen den Kulturen - oder wenn der Tanz auch am Shabath nicht ruht"

Text: Harald Diesner

In einem Zeitungsartikel über Israel fand ich den Satz: „In Jerusalem betet man, in Haifa arbeitet man und in Tel Aviv feiert man!“  Wir landeten nachts um eins im Ben Gurion-Flughafen und trafen eine gute Wahl: in einer knappen halbe Stunde brachte uns der Mietwagen nach Tel Aviv.

Die späte Uhrzeit sollte uns nicht davon abhalten, uns um Deboras Haushalt zu kümmern und erstmal einkaufen zu gehen – A.M.-P.M. hat rund um die Uhr geöffnet!

Wir hatten knapp drei Tage Vorlauf, bevor unsere Teilnehmer eintreffen sollten. Akklimatisieren, so nennt man das wohl: Es war Mitte Mai 2008. Klimatisch gesehen – nach mitteleuropäischen Standards – bedeutet das Sommer; selbst nachts waren es noch über 20 Grad, und man spürte die hohe Luftfeuchtigkeit. Als deutsches Nordlicht wollte ich mir die 40 Grad im August des israelischen Sommers gar nicht vorstellen!

 

Außerdem gab es schon business für uns: Auftritt in Haifa am nächsten (Freitag) Abend. Die Räume, in denen wir üben konnten und in denen auch der Unterricht stattfinden sollte, gehörten zur Tangoschule „Dance Tel Aviv“ von Ronen Khayath. Mitten im Zentrum gelegen, im 4. Stock eines quirligen Hauses und erst vor rund sechs Monaten eröffnet. Zuvor hatte sich Ronen in New York sieben Jahre lang als Lehrer und Showtänzer einen (guten) Namen gemacht und war nun in seine Heimat – nebst Kleinfamilie – zurückgekehrt. 

Neben Tango bietet er auch Pilates an, bis hin zur Ausbildung als Pilates-Lehrer, wovon unsere Gruppe zweimal profitieren sollte. Die Situation unseres ersten Übens am Freitagmittag muss man sich einmal vorstellen: sämt­liche Strassen der City sind noch wegen der 60 Jahr-Feier Israels für den Verkehr gesperrt; Menschenmassen wogen hindurch, auf Bühnen präsentieren Bands Rock- und Popmusik. Diese Lärmblase wabert hinauf in den 4. Stock der Tangoschule, vermischt sich mit dem leisen Surren der unausweichlichen Klimaanlage und kontrastiert die von uns aufgelegten Tangos der 40er Jahre. Wenigstens diese sind weltweit die gleichen und vermitteln ein heimeliges Gefühl!

Nach dem Üben Ausruhen am Strand. Stadtstrand? Ja, Strand vom Feinsten, direkt am Stadt­rand gelegen, oder besser: in die Stadt integriert. Man muss keine dreispurige Autobahn über­winden oder auf den Hotelshuttle warten – man geht einfach ein paar Schritte; in unserem Fall 10 Minuten vom „Dance Tel Aviv“ entfernt.

 

Das glasklare Meer glitzert, mittelhohe Wellen versprechen Badespass und für die Sicherheit sorgt nicht nur der Bademeister: das fast überall präsente Militär ist auch hier zu finden. Die Khakiuniform passt gut zur olivfarbenen Haut, die Uzi locker geschultert. Und attraktiv sehen sie auch noch aus, Männer wie Frauen! Hier mischt sich Mittelmeerklima mit orientalischem Einfluß, abgerundet mit Einsprengseln aus Arabien und der Türkei. 

Dies betrifft eigentlich alle Bereiche: die Menschen, die Luft, das Essen. Vor allem Letzteres löst Urlaubsfreuden aus…
Am Strand selbst hört man viel Russisch und Amerikanisch. Klar, Israel ist Einwanderungsland. Wer hierher zu seinen jüdischen Wurzeln zurückkehrt, bleibt vorerst bei seiner auswärts erlern­ten Sprache, denn hebräisch lernt sich nicht gerade einfach: aramäischen Ursprungs, sucht man vergeblich nach bekannten Intonationsmustern. Diese Sprache kann - ähnlich wie beim Bandoneonspielen - ein massiver Angriff auf die Funktionsweise beider Gehirnhälften sein!

Nach Haifa sind es knapp 100 Kilometer; um 22 Uhr schwingen wir uns im Hyundai Getz (das meistgefahrene Auto Israels) auf die gut ausgebaute Autobahn. Überholt wird links – und rechts! Und schnell! Und meist ohne Blinken die Fahrbahn gewechselt. Debora scheint sich dem – obwohl hin und wieder laut schimpfend – mühelos anpassen zu können.

 

Die Tangoszene Israels – das sollte hier vorausgeschickt werden – ist wie ein grosser Familien­verband organisiert, der per Internet gut vernetzt ist. Milongas gibt es am meisten in Tel Aviv sowie je eine in Jerusalem und Haifa. Wer wann und wo eine organisieren darf, wird nach einem raffinierten Schlüsselsystem vergeben, damit man sich nicht Konkurrenz macht. Ist Milonga in Haifa oder in Jerusalem, so fahren alle – auch aus Tel Aviv und anderen Umgebungen – eben dorthin.

Wie ein Wanderzirkus. So hat man auf den Milongas Schnitt­mengen von 60 bis 80 Prozent bei den Gästen! Man kennt sich eben, es ist familiär – mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen einer Grossfamilie!

Die Milonga in Haifa wird übrigens von einem Mann aus Tel Aviv organisiert!  Die Begrüßung ist überschwänglich, alle sind neugierig auf die Gäste aus Deutschland bzw. man freut sich auf Debora, die bereits seit 5 Jahren auf israelischen Milongas tanzt. Einige eingewanderte Argentinier sind ebenfalls hier und geben dem Nahen Osten-Tango eine authentische Note. Ich bin nervös, aber es geht ganz gut, zumindest gibt es viel Applaus. Mein erster Tanz auf dem Berg Carmel, der Bibel nach der Weinberg Gottes. Nun denn, ich bin eingeführt.

 

Unsere 16 Teilnehmer (Deutsche plus eine Belgierin plus eine Portugiesin plus ein israelischer Taxidancer) entpuppten sich beim Begrüßungsdrink im Hotel City (nur 3 Min. vom Strand ent­fernt!) als ein recht individualistisches Grüppchen mit unterschiedlichen Tangoniveaus. Eigent­lich auch nichts Besonderes, ist Individualität doch ein immanenter Charakterzug von Tango­reisegruppen. Unsere (meine!) Sorge, es müsse doch auf solchen Reisen (so fern der eigenen Kultur) etwas für den kollektiven Zusammenhalt getan werden, erwies sich als gegenstandslos: die Umgebung tat genug dazu!

Geschickt hatte Debora bereits in den ersten beiden Tagen – neben dem täglichen Unterricht – zwei kittende Schmankerl platziert. Das erste war ein gemeinsamer Nachmittagsspaziergang durch die Altstadt von Tel Aviv, von der Ben-Jedhuda durch Lev-Tel-Aviv über den Carmel Markt bis nach Neve Zedek. Dabei erfuhren wir etwas über die Geschichte der Stadt (sieh da, erst 99 Jahre alt), Architektur (massig Bauhaus) und Alltagsleben. Die geschichtliche Verdichtung erreichte ihren Höhepunkt auf dem Alten Fried­hof in der Trumpeldor: zwischen Steinplatten und sich auflösenden Davisternen wurde es still, während Debora über Trauerriten, Beschneidungen und andere grundlegende kulturell-religiöse Aspekte refe­rierte. Die Teilnehmer fragten interessiert nach, und so mancher mag sich der eigenen Verbun­denheit mit der abendländischen Kultur bewusst geworden sein. Wurzelsuche? Mit Sicherheit auch! Die Fortsetzung dazu folgte ausführlicher am nächsten Tag, als Jerusalem auf dem Pro­gramm stand. Ein eigener kleiner Bus nebst deutschsprachiger Reiseleitung (Tonfall: lakonisch-sachlich) stand bereit. Jerusalem, 800m hoch in den judäischen Bergen gelegen, ist nur rund 70 Kilometer östlich von Tel Aviv entfernt; die Autobahn dazwischen ist die reinste Rennstrecke, die in 45 Min. zu bewältigen ist. Hatte ich schon erwähnt, dass die Israelis gern Auto fahren…?

Ein halber Tag ist definitiv zu wenig, um diese Stadt, die zwischen militärischer Moderne und archaischer Religiosität oszilliert, zu begreifen. Bible & Business mag eine Kurzformel sein, die das pulsierende Leben der 1,2 Mio. Einwohner-Metropole verdeutlicht. Bus an Bus drängt sich bereits morgens ab acht Uhr auf den Parkstreifen, besonders um die Altstadt herum. Im Minu­tentakt drängeln sich die digital hochgerüsteten Besucher an den Sehenswürdigkeiten vorbei, beispielsweise im Carree um den Garten Gethsemane (wir lernten Gethsemane = Olpresse, „geth“ von hebr. Gad = Presse, „“semane“ von hebr. schemen = Öl) herum. Soso, hier also soll vor 2000 Jahren ein heiliger Mann seine letzte Nacht in Freiheit verbracht haben? Schwer vorstellbar, bei dem heutigen Getöse drumherum. Wenn die Olivenbäume doch nur reden könnten!

 

Wir entern die Altstadt durch eines der Tore. Durch die malerische Altstadt geht es nur zu Fuß. Es ist eng (aber scheinbar friedlich!),die vier Viertel deutlich abgegrenzt: armenischer, jüdischer, christlicher und muslimischer Bereich. Auf einer Fläche von knapp einem Quadratkilometer er­fährt man ein derartiges Nebeneinander verschiedener Kulturen, gegen das sich das Multikulti in Berlin als harmlos-bunte Sparversion ausnimmt.

Spirituelle Erwärmung will sich trotzdem nicht so recht einstellen, auch nicht an der Klage­mauer, die bei unserem Besuch gerade eine Lautsprecherverstärkung im Beten erfährt. Ortho­doxe telefonieren mit Handy am Eingangsbereich, während davor junge Rekruten in Uniform ihr persönliches Maschinengewehr feierlich überreicht bekommen, während Besuchergruppen den Ausführungen ihrer guides lauschen oder fotografieren.

Quo vadis, domine? Auf der Via Dolorosa, dem Leidensweg Christi, haben wir ihn jedenfalls nicht entdeckt. Kein Wunder: alles bepflastert mit Touristenkonsumfallen, gemeinhin Verkaufs­stände. Eher doch in der Grabeskirche, heutiger Verwaltungszankapfel sechs christlicher Kon­fessionen? Immerhin fanden der Glaubenslehre nach hier Kreuzigung, Grablegung und Auf­erstehung statt. Eine gewisse Faszination offenbart diese Stätte schon, wenn auch permanent digital zerblitzt, und man kann Gläubige unterschiedlicher Eiferungsnatur bei Werke sehen, z.B. beim Reiben von Kleidungsstücken auf dem Salbungsstein.

Trotzdem: unbedingt wiederkommen, mit mehr Zeit! Innerhalb der Gruppe hatte der Besuch zu viel Austausch in Untergruppen gesorgt – und dafür, dass sich diese Kohäsion in den Folge­tagen im Unterricht positiv auswirkte: durchtauschen war kein Problem, jeder übte mit jeder/m und unterstützte sich.

Zum gebuchten Tango-Paket der Teilnehmer gehörte auch der Besuch von fünf Milongas. Damit war im wesentlichen der Tango-Wochenplan Tel Avivs abgedeckt, denn montags und dienstags ist milongafrei. Aufgrund der begrenzten Auswahl begegnet man zwangsläufig einer grossen Schnittmenge an Tänzern, was den Familienverbundsgedanken stärkt. Wir waren als deutsche Tangogruppe bereits vorher per Rundmail angekündigt worden; wohin wir auch kamen, war die Begrüßung ungemein freundlich, verbunden mit einer unaufdringlichen Neugier auf „die Fremden“. Aber fremdeln war nicht drin: ein kurzer Prüfblick über die Fläche zeigte, dass meist ein deutscher  (bzw. der belgische und portugiesische) Anteil mit einem israelischen tanzte! Dies setzte sich querbeet durch alle Milongas fort, so dass einem nur eines negativ auf­ging: wie nämlich auf heimischen Milongas häufig Gäste nicht integriert werden!

Die Räumlichkeiten sind meist rechteckig und stark verspiegelt (ohne Vorhänge), was den Schall leider hart auftreffen lässt. Zudem sind sie per Klimaanlage soweit heruntergekühlt, dass nur emsiges Tanzen oder – im Sitzen – mehrschichtiges Bedecken vor Erfrierungserscheinun­gen bewahrt. Getränke werden nur rudimentär angeboten; Wasser gibt es in der Regel kostenlos. Als Favorit gilt ein Limonen-Minze-Mischgetränk, genannt Limonana (Nana=Minze). Milongas finden auch am Samstag statt, dem jüdischen Sonntag (Shabbat). In Tel Aviv zumindest nichts Besonderes; das religiöse Feiern kennt inzwischen viele Abstufungen, selbst orthodox ist nicht immer gleich orthodox.

Eine richtig nette Geste gab es am letzten Tag, als Debora auf ihre (riesige) Dachterrasse im 3. Stock zum Abschiedsempfang lud: liebevoll gestaltete Geschenke für uns beide! Die Neugier war jedoch noch nicht gestillt, so dass sich eine politische Diskussion über den Stand im Land entfaltete.

Anschließend machte sich die Gruppe auf den Weg zur letzten israelischen Milonga auf dieser Reise, um dann schließlich um 2.25 Uhr in den Flughafen-Shuttle zu steigen, der bereits vor dem Hotel wartete. Küsse und Umarmungen, es war eine ereignisreiche Woche.

 

Die Reise wurde angeboten von www.kreativer-bypass.net 

 

 

 

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Ausgabe August 2008

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)