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Teil
2 der Enthüllungsstory von M. C. Brook
Foto: Astrid
Weiske
Es fiel ein Tor für die
Blauen. Das rote Torhüterpaar machte dabei keine glückliche
Figur. Ein klarer Stellungsfehler. Es war ein durchaus zu haltender Ball,
doch der Mann scheiterte an seinem unvollendeten Führungsstil. Die Zuschauer jubelten
- und im nächsten Moment wurde das Spiel
abgepfiffen. Die Spielerpaare versammelten sich am Mittelkreis. Die Frau
vom roten Torhüterpaar machte einen geknickten Eindruck und erklärte
ihren Rücktritt. Sofort wurde es still. Fragen nach dem Warum tauchten auf. Die
Tango-Version von Buenos Dias Argentina von Udo Jürgens wurde
abgedreht. Auf einmal herrschte in der gesamten Halle eine merkwürdig
bedrückende Atmosphäre.
Die Fußball-Tanguera
verließ die Halle. Eine Antwort blieb sie schuldig. Einer der Männer
ermahnte sie noch, sich an die Abmachung zu halten.
Ich für meinen Teil
beschloss, mich an die Fersen der Abtrünnigen zu heften. Mein Gefühl
suggerierte mir, dass diese Frau unabdingbar mit der Auflösung der
Geschichte zusammen hing.
Auf der Schillerstraße wartete ich und betrachtete die nähere
Umgebung. Castrop-Rauxel machte weiterhin keine Anstalten, mir zu
imponieren.
Endlich kam die Fußball-Tanguera frisch geduscht und umgezogen aus der
Sporthalle heraus. Sie war mit sich selbst beschäftigt und schenkte mir
keinerlei Aufmerksamkeit. Ich folgte ihr bis zu einem nahegelegenen
Brauhaus und brauchte mir überhaupt gar keine Mühe geben, unauffällig
zu wirken. In dieser Stadt wirkt alles unauffällig!
Die Fremde setzte sich an
einen Tisch, bestellte sich eine Apfelsaftschorle und seufzte unmerklich
in sich hinein. Sie wirkte einsam und desillusioniert. In diesen
Sekunden nahm ich mir zum ersten Mal Zeit, sie etwas genauer zu
betrachten. Die Folge war, dass dadurch ihre Blässe und
Unattraktivität noch mehr zum Vorschein trat. Es schien mir, als
stünde sie in hartem Konkurrenzkampf zu Castrop-Rauxel.
Die Apfelsaftschorle
wurde serviert. Die Fußball-Tanguera nahm einen ersten Schluck, um dann
die neue Ausgabe des Szenemagazins Tangodanza aus ihrer
Sporttasche zu ziehen und einen Blick in die weite Tangowelt zu
riskieren. Das war mein Aufhänger, ein Gespräch einzufädeln.
Selbstbewusst und charmant zugleich trat ich auf sie zu und stellte die
entscheidende Frage, ob sie auch Tango tanzen würde. Sie starrte mich
mit ihren großen Provinzaugen an, in denen sich echte Überraschung
wiederspiegelte.
Ich setzte mich zu ihr. In kurzen Worten erklärte ich, dass eine
Dienstreise mich in diese wunderschöne Stadt verschlagen hätte und ich
am Abend gerne Tango tanzen gehen würde. Über einen Tipp von ihr
würde ich mich freuen - und andeutungsweise entwickelte sich aus dieser
Situation heraus so etwas wie ein Gespräch.
Innerhalb von Sekunden
klärte sie mich über die Tangoszene Castrop-Rauxels auf: es gab
angeblich keine. Tango und diese Stadt würden nicht zusammen passen.
Und damit hätte sie zweifelsohne recht gehabt, wenn da nicht dieses
für mich einschneidende Erlebnis gewesen wäre.
Ich bildete mir ein, ihre Stimme irgendwo schon einmal gehört zu
haben. Sensibel ging ich auf sie ein, stellte (Fang)-Fragen und tat so
interessiert, wie nur ein Mann einer Frau gegenüber Interesse bekunden
kann. Nach ihrem Namen fragte ich sie bis zum Schluss nicht. Stattdessen
fragte ich sie nach ihren Hobbys. Diese waren Kräuterlehre und Yoga.
Von Tango kein Wort.
Ich lauschte ihren kurzen
Sätzen, bis mir plötzlich ein Licht aufging. Mit der Frage, warum sie
denn die Tangodanza lesen, aber keinen Tango tanzen würde,
brachte ich sie unwiderruflich in Bedrängnis. Um die Sache abzukürzen,
zog ich meinen MP3-BlueTooth-Web'n'Walk-Man aus der Tasche und spielte
ihr das Telefonat vor, das die Redaktion von tangokultur.info vor
kurzem erreicht hatte. Bingo!, es war tatsächlich ihre Stimme. Ihr
Kartenhaus fiel in sich zusammen.
Noch desillusionierter
als ohnehin schon sah sie mich an. Unter der Voraussetzung, dass keine
Namen genannt würden, wollte sie mir nun alles über die anonymen
Tango-Fußballer erzählen. Das versprach ich ihr, bestellte mir ein Glas
Rotwein und hörte ihr zu.
Einige tangobegeisterte Damen aus
Castrop-Rauxel und Umgebung waren vor Jahren dermaßen frustriert und
verärgert über den vorherrschenden Männermangel beim Tango, dass sie
über die aberwitzigsten Ideen diskutierten, die dieses Problem
abstellen sollten. Schnell war klar, was die Freunde und vermeintlich
besseren Hälften neben Sex eigentlich wollten: nämlich Fußball! Und
das führte schon weit vor dem Tango zu ehelichen Krisen und unschönen
Auseinandersetzungen zwischen den Geschlechtern. Also gründete man die
Initiative "Tango für Fußball", bei der beide Seiten auf
ihre Kosten kommen sollten: fortan durften die Männer samstags
unbehelligt die Sportschau einschalten und am Sonntag zu ihrem lokalen
Lieblingsklub gehen - und zum Ausgleich dafür mussten sie zweimal die Woche an einem
Tangokurs teilnehmen. Um die beiden Lager noch mehr zusammen zu
schweißen, verband man irgendwann Tango und Fußball miteinander und
traf sich einmal im Monat in der Sporthalle in Castrop-Rauxel zum
Tango-Fußballspiel. Bedingung war, dass kein Außenstehender etwas von
diesem Zusammentreffen erfahren durfte. Der Ausdruck "um den Ball
tänzeln" bekam hier eine ganz neue Bedeutung!
Der Legende nach
bedeutete diese Initiative einen ungeheuren Schub für die Tangoszene.
Insider munkeln, dass viele Männer diese anonyme Möglichkeit für sich
ausnutzen, um ihr Hobby Fußball freizügig ausüben zu können und
gleichzeitig keinen Triebverzicht in sexueller Hinsicht hinnehmen zu
müssen. Und die Frauen? Solange sie tanzen konnten, waren sie einigermaßen
zufrieden.
Ich bemühte mich, weiterhin einen interessierten Eindruck bei der
Fußball-Tanguera zu machen. Sie hatte genug von diesem zwiespältigen
Spiel und wollte entweder nur noch bedingungslos Tango tanzen - oder ihr
Hobby Yoga weiter ausbauen. Sie hasste Fußball und wollte sich von den
anonymen Tango-Fußballern lossagen.
Ich für meinen Teil fuhr
ernüchtert zurück nach Berlin. Statt einer mitreißenden Story war ich nur
um die Erkenntnis reicher, dass in der Behauptung der Frauen vor meiner Reise
wohl doch ein Körnchen Wahrheit steckte: viele Männer können vieles gut
- Tanzen gehört
leider nicht immer dazu. Aber beim Fußball, da sind sie alle Experten.
Auch wenn sie immer wieder behaupten, sich nicht für diese Ballsportart
zu interessieren.
Die Fußballweltmeisterschaft beweist uns das
Gegenteil! Da wird die Leidenschaft gezeigt, die wir beim Tango leider
viel zu oft vermissen ...
Lesen Sie auch den 1.
Teil unserer Enthüllungsstory über die anonymen Tango-Fußballer aus
der Juni-Ausgabe: jetzt
lesen...
In der nächsten Ausgabe
berichtet M. C. Brook exklusiv über den Geheimbund der
Tango-Therapeuten.
Weiterführende Links zur FIFA WM 2006 in Deutschland:
tangokultur.info will an
der FIFA WM 2006 kräftig mitverdienen und bietet nachfolgende
Musik-Downloads, CD's und den offiziellen WM-Turnierführer an. Jetzt
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Ausgabe Juli 2006
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