Der Tango Mann
 


Teil I

Text und Karikatur: Gunter Scholtz

Tja, Sie kennen ihn ja, den Tango Mann. Man trifft ihn dort, wo Tango aus Lautsprechern, Instrumenten oder Kehlen tönt. Der Mann, der abends noch mal losgeht, mit einem Paar Tanzschuhen im Bündel und Sehnsucht im Herzen. Wenn er einer ist, der nicht nur gerne gesehen wird, sondern auch gerne wieder gesehen wird, hat er vorher geduscht und sich vielleicht sogar verschickernd umgezogen.

Wofür opfert dieser Mann seinen wohlverdienten Feierabend in der geborgenen Umarmung seiner vier Wände? Er sucht sie, die Tango Frauen. Die Frauen, die sich zu dieser sinnlichen so kunstvoll folkloristisch angehauchten oder auch durchtränkten Musik in seine Arme schmiegen, um sich mit ihm im Reigen des Tango zu vereinen.

Wenn man den Tango Mann auf der Straße trifft, erkennt man ihn selten, höchstens an dem Schuhbeutel in der Hand. Mit dem Dresscode des Tango Mannes ist es wie so oft in der städtischen Welt des Nachtlebens und fast aller Orten nicht so weit her. Ob er nun auf dem Weg zum Tango oder vom Kino nach Hause ist wird man höchstens an seinem Alter abschätzen können. Die anderen Altersgenossen des Tango Mannes findet man sonst zur gleichen Nachtzeit eher nur noch in Kneipen, Jazzclubs, im Puff oder daheim bei ihren Liebsten. Aber nicht ihn. Er steht auf dem Parkett eines Tanzsaales, eine Hand auf dem Schulterblatt und die andere in der Rechten eines Weibchens, das seiner Einladung zu dieser kurzen Reise in die bessere Welt der Musik, des Tanzes und der innigen Zweisamkeit gefolgt ist.

Dann geht es los, er darf zeigen, was er kann. Er muss nichts erklären, er muss nichts sagen, er muss sich nur anständig benehmen. Und das, obwohl die Frau entgegen dem sonst oft alltäglichen Bild ihresgleichen ungemein weiblich geputzt und verziert daherkommt. Und er darf sich ebenso nicht davon beeindrucken lassen, wenn ihre Nasenspitze fast die seine berührt, sie hingebungsvoll ihre Brust gegen seine presst und sanft ihre linke Hand in seinen Nacken schmiegt. Coolness ist hier oberstes Gebot. Nicht so eine durchschaubare "Ich trage die richtigen Klamotten, also kann mir nichts passieren"-Coolness, sondern so eine Coolness mit der man zu Ingrid Bergmann "Kleines" sagt, auch wenn man ihr erst grade in die Augen schauen kann, wenn man auf einer Holzkiste steht.

Wo ich schon diesen Vergleich mit alten Schwarz-Weiß-Klassikern ziehe, fällt mir dieser alte Billy-Wilder-Film ein, dessen Namen ich vergessen habe, mit Barbara Stanwick, die eine untergetauchte Gangsterbraut mimt, und James Stewart - hier als etwas stoffeliger junger Professor -, der seine aufsteigenden amourösen Gefühle für sie zu unterdrücken versucht, indem er sich einen kalten Waschlappen in den Nacken legt. Man muss nicht lange nachdenken, um zu begreifen, dass die warme weibliche Hand im Nacken des Tango Mannes beim Tanz genau den gegenteiligen Effekt hat. Aber er nimmt es in der Regel verhältnismäßig gelassen, denn zum einen ist er im Grunde seines Herzens ein Gentleman (mit allen dazu gehörigen Hintergedanken natürlich), und zum anderen hat er auf dem Parkett noch ganz andere Sorgen: seine Schritte, ihre Schritte, seine Schulter, seinen Rücken, seine Achse, ihre Achse, die anderen Tanzpaare, diese doofe Säule mitten im Raum usw. Da kann so eine zärtliche Hand ein gelinder Trost sein. Die Hand einer schönen Tango Frau.

Sie ist eine Frau wie er sie sich wünscht. Er darf sich eine solche Frau wahrscheinlich auch wünschen, denn er ist nicht selten allein stehend. Ein allein stehender Mann, der sich eine Frau wünscht, die so ist, wie diese in seinen Armen. Er wünscht sich so eine bezaubernde, hingebungsvolle, stolze, weibliche, selbstbewusste Frau. Aber er will diese Frau, die hier vor ihm steht, nicht wirklich, denn er weiß, dass sie nur verkleidet ist. Er weiß, dass sie nur spielt so zu sein, ebenso wie er. Er weiß, keine Frau saugt in so einem Aufzug zu Hause Staub oder lässt sich bei der Planung des gemeinsamen Alltags so leiten und führen wie auf dem Tanzboden. Ganz abgesehen davon, dass, so sehr sich der Tango Mann in der führenden und kontrollierenden Rolle des Nachts gefällt, er im täglichen Leben nicht unbedingt durch außergewöhnliche Führungsqualitäten und einen zwanghaft konsequenten Wunsch nach ständiger Anwendung dieser hervor sticht. Ausnahmen gibt es gewiss auf beiden Seiten.

So gibt es zum Beispiel liierte Tango Männer, die eine Art Doppelleben, quasi wie Batman, führen und im sonstigen Leben als bessere Hälfte einer wundervollen erfüllten Beziehung leben, fern jeder Versuchung, Verleugnung und Verleumdung. Überhaupt, es gibt auch ganz andere Kaliber. Ebenso wie in allen anderen Lebensbereichen, vom beruflichen Tagwerk bis zum Sex, gibt es da die so genannten Sportsfreunde, die die letzte Grenze des Selbstzweifels erfolgreich überwunden zu haben scheinen und die solche Dinge wie einen Tanzabend mit allem, was einem da so von den weniger abgeklärten Teilnehmern an Gefühlswallungen entgegen strömt, professionell abwickeln. Die sind stets gut gelaunt, können hervorragend tanzen und nehmen alles, sich selbst eingeschlossen nicht so ernst. Na ja, zumindest glaube ich, dass es solche Männer geben sollte beim Tango... Na, wenn ich so drüber nachdenke... Ich glaube schon, dass es Männer gibt, die zumindest in diese Richtung tendieren... oder... Ach, was weiß ich. Jedenfalls gibt es das Phänomen des Doppellebens von liierten Männern beim Tango. Eine Sorte von Tango Männern halt. Aber es gibt natürlich auch andere. Sie kennen ihn ja.

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Ausgabe Mai 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)