Der Geheimbund der Tango-Therapeuten
 


Eine Exklusivstory von M. C. Brook

Karikatur: Gunter Scholtz

"Die Welt war in Ordnung. Im Großen und Ganzen. Den Schmerz der Trennung von meinem Freund hatte ich überwunden. Ein neuer Job gab mir eine neue Aufgabe - und ich wollte nichts weiter, als nach Feierabend ein bisschen Abwechslung haben, denn ich bin ein lebensfroher, positiv denkender Mensch.  Ich wollte die Abende nicht ständig nur vor dem Fernseher verbringen. Also zog ich auf der Suche nach netten Menschen um die Häuser..."


So beginnt die Geschichte von Sabine B. (Name von der Redaktion geändert). Unspektakulär, und auf den ersten Blick so gar nicht der Rede wert.  Aber was die Anfang 40-jährige, nicht ganz und gar unattraktive Frau dann erleben musste, ist nur die berühmte Spitze eines Eisberges, der Nacht für Nacht durch unsere Städte treibt. Bei tangokultur.info fand Sabine B. endlich den Mut, über das Erlebte zu sprechen.

Es war eine laue Sommernacht, als Sabine auf dem Weg in ihre kleine Berliner Single-Wohnung magisch von Tangoklängen angezogen wurde. Sie folgte der Musik und fand sich auf der Museumsinsel wieder, wo einige Dutzend Männer und Frauen unter den Kolonnaden Tango tanzten.
Sabine war fasziniert von der Musik und bisweilen auch von der Ästhetik einiger weniger Tanzpaare. Und zu ihrem Erstaunen dauerte es auch nicht lange, bis sie aufgefordert wurde. Sie war überrascht und erfreut zugleich über diese Offenheit.

Ein Mann um die 50, der sich bei Kleidung und Auftreten immerhin Mühe gab, bat Sabine um einen Tanz. Schüchtern wies sie darauf hin, dass sie keinen Tango tanzen könne. Doch das beeindruckte den smarten Tanguero nicht. Mit den Worten "Ich bringe es Dir bei. Hier und jetzt. Du wirst sehen, es ist gar nicht so schwer, wie es aussieht", zog er sie auf die Tanzfläche - und sie ließ ihn gewähren. Zumindest die ersten Takte. Bis sie das Gefühl hatte, dass dieser Mann überhaupt gar nicht auf die Musik tanzte, sondern sie stattdessen über ihr Leben ausfragte. Sabine unterbrach den Tanz und verabschiedete sich höflich.

Dieser ersten, banalen Tango-Erfahrung schenkte Sabine zunächst keinerlei weitere Beachtung. Stattdessen suchte sie im Kleinanzeigenteil eines Stadtmagazins nach Telefonnummern von Tangolehrern. Die Musik hatte es ihr angetan. Und sie tanzte schon immer gerne. Eine Tangoschule kam für sie nicht in Frage. Zumal sie keinen Tanzpartner hatte. Sie wünschte sich individuellen Unterricht. Und bei der Suche wurde sie schnell fündig.

Harald W. (Name von der Redaktion geändert) empfing Sabine wie verabredet in seiner Privatwohnung, in der er auch Tango unterrichtete. Ein Parkettzimmer, in dem ein Schreibtisch und Regale standen, war freigeräumt. Buchtitel wie Paartanz. Beziehungskrisen als Chance, BeziehungsKiste und eine Reihe Lehr- und Sachbücher über das Thema Psychologie fielen ihr auf. Daneben lagen drei oder vier Tango-CDs.

Harald bot Sabine einen Tee an. Sie trinkt keinen Tee, aber er klärte sie über die Vorzüge des Teetrinkens auf, bevor er anfing, über sich zu erzählen. Innerhalb weniger Minuten wusste Sabine alles über ihn: Harald war 51, frühpensionierter Lehrer, Single, kinderlos- und er bereitete sich auf das bevorstehende Yoga-Festival in Berlin vor. Dabei klang in seiner Stimme immer so etwas wie Selbstmitleid mit.

Sabine hörte verständnisvoll zu, bis sie dann doch etwas ungeduldig auf die Uhr sah und darum bat, mit der Tangostunde zu beginnen.
Harald bejahte und erzählte, dass er neben Tango auch Yoga unterrichten würde. Nicht ohne Stolz berichtete er, dass er tangomäßig sogar schon einmal aufgetreten sei (Anm. d. Red.: die Recherche von tangokultur.info ergab, dass Harald tatsächlich engagiert wurde: bei der Eröffnung eines Einkaufszentrums tanzte er vor einer Wursttheke. Gage: 1 Kg abgepackte Wurst).

In dieser ersten Tangostunde lamentierte Harald über die Beziehung zwischen Mann und Frau beim Tango und zeigte Sabine nebenbei den Grundschritt. Ansonsten kein Wort über Musik, Körperhaltung, oder Technik. Einen Tango spielte Harald gar nicht. Er war der Meinung, dass die Musik erst später dazu kommt.

Für Sabine als selbstbestimmte und emanzipierte Frau stand fest, dass dies die erste und letzte Tangostunde bei Harald war. Sie wollte weitere Lehrer ausprobieren, aber jedes Mal fand sie nicht das, was sie suchte: Genuss, Ablenkung vom Berufsalltag, schön tanzen! Stattdessen Männer, die eine ähnliche Philosophie wie Harald verfolgten. Alle erzählten von sich und fragten Sabine nach ihrem Leben aus. Auf einmal spielte wieder die Trennung von ihrem Ex-Freund eine Rolle, was für sie selbst gar nicht mehr auf der Tagesordnung stand. Die Harald-ähnlichen Männer wollten von ihr wissen, warum es zur Trennung kam, welchen Anteil sie daran hatte und was man vielleicht hätte besser machen können.

Enttäuscht, aber noch lange nicht mutlos, lud Sabine sich über iTunes einige Tangos auf ihren Computer und träumte von einem Tangotänzer, der sie in eine andere, bessere Welt entführen würde. Am nächsten Tag traf sie Rolf. In der CD-Abteilung eines Kulturkaufhauses stöberte er durch Tango-CDs. Sie nahm allen Mut zusammen und fragte ihn, ob er sich mit Tangomusik auskennen und ihr eine CD empfehlen könne.
Sie gingen zusammen einen Kaffee trinken. Es entwickelte sich ein amüsantes, ungezwungenes Gespräch. Rolf tanzte seit einigen Jahren Tango, aber er gab keinen Unterricht. Seiner Meinung nach gäbe es inzwischen mehr Tangolehrer als Schüler. Überhaupt stehe er der Szene eher skeptisch gegenüber, da es vielen gar nicht um die Musik, sondern vielmehr um die Pflege ihrer persönlichen Lebenskrisen ginge.

Plötzlich fühlte sich Sabine verstanden. Rolf sprach ihr aus dem Herzen - und sie war fast glücklich, als er sie für den Samstagabend auf eine private Tangoparty bei Freunden einlud.

Die Party fand in einem Berliner Altbau im Bezirk Prenzlauer Berg statt. Rolf hielt Sabine die Tür zum Treppenhaus auf. Sie wunderte sich über den weißen Stoffbeutel, den er bei sich führte. Mit einem Augenzwinkern teilte er ihr mit, dass dies das Erkennungszeichen sei.
Augenblicke später standen sie in der Wohnung der Gastgeberin Hilde K. Selbst Sabine wurde mit einer innigen Umarmung und einem Küsschen auf die Wange begrüßt. Rolf stellte sie miteinander vor. Weitere Gäste standen in der Tür. Und sie alle hatten einen weißen Stoffbeutel dabei, in dem sich die Tanzschuhe befanden.
Plötzlich wurde Sabine ganz schwindelig. Sie sah den Tänzer von den Kolonnaden, Harald und die anderen getesteten und für schlecht befundenen Tangolehrer unter den Gästen. Rolf bemerkte ihr Unwohlsein, reichte ihr ein Glas Sekt und prostete ihr zu: "Willkommen beim Geheimbund der Tangotherapeuten!". In diesem Moment wusste Sabine nicht, ob Ironie, oder bitterer Ernst in seiner Stimme lag ...

Anm. d. Red.:
Sabine B. tanzt heute Salsa und lebt glücklich mit Michael W. zusammen, der eine gutgehende Lottoannahmestelle betreibt.



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In unserer nächsten Ausgabe lesen Sie den 1. Teil der Exklusivstory Der Fluch der Milonga von M. C. Brook

 

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Ausgabe September 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)