"Die Suche nach dem Knistern"
 

 

Ein Gespräch mit dem transsexuellen Tangotänzer Ying-Jang  [Name von der Redaktion geändert]

Interview: Jochen Hille

Impression vom 4. Queer Tango Festival 2004      Foto: Astrid Weiske

Diese Carmen stellt die allerstolzeste andalusische Zigeunerin in den Schatten und durch ihre Venen blubbert das heißeste südländische Blut noch echt und unverfälscht. Doch letztlich schmilzt sie in den starken Armen ihres Don Juan dahin. Von solchen mit unterschwelligem Rassismus aufgeladenen Groschenroman-Szenerien lebt der Tango. Endlich kann Mann bzw. Frau die traditionellen Geschlechterrollen bis zum Exzess ausleben. Das ist ein niedliches Spiel mit Rollen und Klischees und ich will niemandem den Spaß daran aus Gründen der politischen Korrektheit nehmen. Aber wie denkt und fühlt ein Mensch, dessen geschlechtliche Identität komplett quer zu diesen heterosexuellen Klischees verläuft? Aus diesem Grund befragte tangokultur.info einen Transsexuellen, eine biologische Frau, die sich als Mann versteht.


Ist es Zufall, dass Du Tango tanzt? Oder reizt der Tango Dich gerade deshalb, weil es dort so stark um die Rollen von Mann und Frau geht?

Ying-Jang: Am Anfang habe ich darüber gar nicht nachgedacht. Als ich zum ersten Tangokurs gegangen bin, war das aus sportlichen Gründen, dann war ich heimlich in meinen Tangolehrer verliebt, dann war es abwechselnd so eine Gewohnheit und die Suche nach dem Knistern und inzwischen ist es mein wesentlichster Lebensinhalt. Ich liebe die Inszenierung von Geschlecht, aber das ist neu. Als ich noch nicht auf die Idee gekommen war, dass ich ein Mann sein könnte, habe ich den geschlechtsneutralen Tango postuliert.


Glaubst Du, dass der Tango und diese Szene für Leute, die aus dem üblichen Rollenbild rausfallen, besonders reizvoll oder besonders abschreckend ist?

Ying-Jang: Eher abschreckend. Ich kenne einen Transsexuellen, der anfangen will mit Tango wenn er mit den OPs so weit ist, dass er von allen als Mann erkannt wird. Auch die Homosexuellen haben ja so ihre Zicken: Angeblich gehen in Buenos Aires viele gute Tänzer in die Gay Milongas, das ist hier nicht so: das Queer Tango Festival habe ich letztes Jahr eher als Haufen Beleidigter denn als Tangofestival wahrgenommen.


Beleidigt?

Ying-Jang: Ja, viele fühlen sich auf "heterosexuellen" Milongas diskriminiert. Ob es so schlimm ist, weiß ich nicht. Zum Diskriminieren gehören immer zwei: Einer der diskriminiert und einer der sich diskriminieren lässt. Ich verstehe nicht, warum sie nicht für ihre Rechte kämpfen und statt dessen ein Ghetto eröffnen.


Sammeln sich Transsexuelle in der Tangoszene oder ist es reiner Zufall, dass Du Dich in der Tangoszene rumtreibt?

Ying-Jang: Zufall. Ich kenne außer mir keinen.


Unter welchen Umständen gibst Du Dich zu erkennen und welche Bedeutung hat das dann für Dich?

Ying-Jang: Ich oute mich, wenn jemand mir offensichtlich Eigenschaften zuschreiben will, die erstens frauentypisch sind und zweitens nicht auf mich zutreffen. Meistens glaubt man mir nicht, dann schiebe ich noch ein paar Machosprüche nach. Oder neulich: Jemand wollte mir aufschwatzen, hohe Schuhe anzuziehen, dazu fiel mir nur ein "Ich bin zwar möglicherweise schwul, aber keine Tunte". So was führt zu Lachern, aber ist natürlich kein ernsthaftes Outing. Ich habe keine Lust auf Zank, ich oute mich nur, wenn ich hoffe, dass sich derjenige in Zukunft so benimmt, dass ich besser damit klar komme.


Ist Tango für Dich was anderes als für "normale Heteros" und "normale Schwule und Lesben"?



Impressionen vom Queer Tango Festival 2004. Foto: Corinna Bethke
Ying-Jang: Woher soll ich das wissen? Na, vielleicht: Bios haben nie die Erfahrung machen müssen einen Korb zu kriegen mit der Begründung, "Ich tanze nicht mit [anderen] Frauen". Da helfen dann auch keine Aussagen wie "Ich bin keine Frau, ich seh' nur [biologisch] so aus". Ansonsten weiß ich es echt nicht.

Was sind denn Bios?

Ying-Jang: Das sind Leute, die mit ihrem Ursprungsgeschlecht zufrieden sind - fast alle also.


Gibt es besondere Schwierigkeiten, die in anderen Szenen nicht auftreten würden?

Ying-Jang: Nicht das ich wüsste, aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass ich eine große Fresse habe [lacht]. Ich lasse mich nicht diskriminieren.


Hat Dein Körper-Selbstbild Auswirkungen darauf wie Du tanzt?

Ying-Jang: Keine Ahnung.


Du tanzt beide Rollen: Wie empfindest Du die weibliche bzw. männliche Rolle?

Ying-Jang: Wenn ich über Tango rede, sage ich der Einfachheit halber "Männer" und "Frauen", wenn ich "Führende" und "Folgende" meine; aber für mich fühlt sich es eher an wie "Führende" und "Folgende". Dass Männer meistens führen und Frauen folgen, ist zwar kein Zufall, aber es geht auch ohne Geschlechterdifferenzierung. Sich führen lassen hat was mit Hingabe zu tun und Hingabe an einen Menschen ist vielleicht eine eher weibliche Eigenschaft - aber Männer können das auch. Und Frauen können Konzepte machen, auch wenn sie da nicht immer Lust drauf haben. Ich war auch schon auf Milongas, wo die besten Führenden Frauen waren, also das ist alles halb so wild. Aber natürlich ist es geil, wenn sich mir so eine heiße Kirsche an den Hals schmeißt. Ich bin gerne mal der Prinz auf dem weißen Pferd und das geht beim Tango besonders gut.


Konzepte machen? Und wie ist das mit dem Zufall? Vielleicht fangen wir mit dem Zufall an .

Ying-Jang: Na, das sind schon typisch männliche oder typisch weibliche Eigenschaften, die da ins Spiel kommen, sowohl körperliche wie auch psychische. Männer machen andere Boleos als Frauen und ich schiebe das auf den Körperbau. Männer sind im Schnitt größer und das ist eher von Vorteil, wenn man den Überblick auf der Tanzfläche haben will, und es macht Sinn mit kleineren und leichteren Frauen zu tanzen, weil man deren Achse besser aufnehmen kann. Wer schon mal Volcadas mit einer Frau gemacht hat, die 15 Kilo mehr wiegt als man selbst, weiß, wovon ich rede. Und die psychischen: Als ich zum ersten Mal Männer gesehen habe, die sich führen ließen, war ich über deren Gesichtsausdruck verblüfft: Das ist so eine ganz merkwürdige Mischung aus Konzentration und Verzücken. Bei Frauen ist das normal.

Vielen Dank für das Gespräch!


Zum Vorbericht über das 5. Queer Tango Festival in Hamburg von Tina Fritsche.

Zur Website der Festival-Veranstalter



 

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Ausgabe Oktober 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)