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Reisetagebuch für Swantje-Britt Koerner Text & Fotos: Frank Lubnow
Idurch regen und matsch nach tegel, ist schon dunkel. das
taschenmesser bei den noten im handgepäck, wie kann man? geht nicht,
ein paar umwege. von berlin nach paris knie an knie, elle an elle mit
businessmen, die kämpfen immer noch, kleine klaustrophobische
anwandlung. haute cuisine im plastiktablett, erinnere mich an ,brust
oder keule' (louis de funès) und die szene in der fabrik, wo oben in
eine maschine eine beige masse eingefüllt wird, die unten in hühnerform
herauskommt. in der nachfolgenden maschine wird das teil lackiert. gute strategie gegen
vogelgrippe. der flughafen cdg mit seinen gängen wie bei jacques tati. aus der berlinalestadt ins richtige kinoleben. beim nachtflug noch mehr menschen, die sind aber
entspannter, ich auch, das essen ist gut, es gibt sogar trinkbaren wein.
mein nachbar, aus buenos aires, kehrt
nach dreieinhalb jahren münchen zurück nach südamerika. als
jugendlicher hat er das schuhplattlern
erlernt, in bsas! und überraschte seine bayerischen kollegen mit
kenntnissen en gros und en détail. im landeanflug sind keine zweifel mehr möglich, es ist
hier tatsächlich sommer.
ein erster rundgang durch die stadt legt nach: 35°C, der
asphalt ist heiß, die abgaswolken bleiben am boden liegen, der verkehr
betäubt die ohren, wunderbar nach der gefrorenen stille an der havel.
aus der ferne erkennt man die beschaulichkeit des alten europa. die
ankunft wird zum längsten tag: marcelo holt mich ab zur milonga, 1.30
uhr. IIsamstag abend im park, turmhohe palmen, rauchschwaden von chorizos auf dem grill, open air mit mercedes sosa. eine urmutter und ihre kinder, zehntausende lassen sich sanft und gütig über die haare streichen. dann singen alle ,el dia que me quieras', die klangwolke steigt in den himmel über die fernen palmendächer zu den nahen sternen. da ist es wieder, dieses tangogefühl. san telmo, ein tangomuseum, man weiß nicht, was museum,
was museumsshop ist. einkehr in einer alten passage, zweigeschossig
aus der gründerzeit mit kleinen antiquitätenläden, cafés und in der
mitte ein großer baum, der sein krone durch ein offenes dach entfalten
kann. ein bänkchen lädt zur rast, de falla für violine und klavier
weht herüber. wer jetzt schon beglückt ist von der atmosphäre, wird
gleich vollends hingerissen sein, hebt er den kopf: die baumkrone ist übersät
mit magnoliengleichen rosa blüten. sonntag abend asado bei uns, grillmeisterschaften auf dem
dachgarten. sprachkakophonie sorgt für unterhaltung, wir essen aber das
gleiche, mit wonne. montag erster unterricht, der meister ist persönlich da.
eine gemeinde von philantropen probt die freiheit. nach sieben stunden
ist alles wie betäubt, beine arme kopf. habe die architektonische planung der stadt verstanden: sie
existiert nicht. wild durcheinander finden sich die verschiedensten gebäudegrößen und -stile, mit unterschiedlichen abständen zur straße, bauhöhen, nutzungen. nur lücken kommen relativ regelmäßig vor. die porteños lieben den einzelhandel, es gibt für alles spezielle kleine geschäfte - feuerwehrspritzen, rollen, windeln. supermärkte gehen nie über nikolasseer maßstäbe hinaus, einkaufsarenen sind so gut wie unbekannt. das straßennetz wie in nyc schachbrettartig, fast alles einbahnverkehr, was den verkehrsfluss mit 5-6 spuren ungemein fördert (fahrbahnmarkierungen haben rein dekorativen charakter): bei diesem durchschnittstempo brauchen die autofahrer keine extra stadtautobahn, die fußgänger aber unbedingt einsicht, wer der stärkere ist.
heute hätte ich
auf dem weg zur schule z.b. heftpflaster, cd-mappen, kugelschreiber oder
abziehbilder von bonbonfarbenen putten günstig erwerben können. stumm
werden die waren an alle verteilt und wieder eingesammelt, mancher hat
bedarf und kauft. ich übe mich in verzicht und erfreue mich am unwillkürlichen
ballett meiner mitreisenden: die bänke in der subte-linie b sehen durch
die rote samtauflage nicht nur sofaartig aus, sie sind auch geradezu in
k.u.k.-manier gefedert. jede unebenheit auf der fahrt hat kollektive
hebung und senkung zur folge, die ein strenger ballettmeister nicht
synchroner hätte einstudieren können. IIIdrei tage regenpause mit monsunartigen einlagen. das tempo ist
gedrosselt, das drehmoment bleibt, wie bei einem brt-mächtigen
ozeandampfer, an dem auch heftiger sturm wie tautropfen abperlt, gerade
zieht er seine bahn. währenddessen quartiersuche, sie zog sich länger
hin als erwartet, nun mit happy end nach san telmo, ins museum. samstag in der schule, wir sind zu fünft, philosophisches
matekränzchen mit dinzel. eine heftige sehnsucht nach freiheit: das herz führt uns
dorthin. die bewegung geht vom herz aus, der rest des körpers folgt.
die essenz des lebens, platon, hegel, teilchenphysik, wellen, es gibt
nichts schlechtes, nur die abwesenheit des guten. nach zwei stunden
raucht der kopf, dann tanzen, unterricht vom meister selbst, entrückung. das spanischstudium findet im täglichen leben statt: im
estudio, in holpriger konversation, beim morgendlichen kauf der
medialunas (mini-croissants - es gibt ausladene batterien von kleinen
süßen teilchen -facturas- unterschiedlichster art, bin noch dabei, mir
einen ungefähren überblick zu verschaffen). die busse fahren ohne zahl tag und nacht kreuz und quer durch die stadt, laut pfeifend, fauchend, röhrend, brummend. große tiere. alle unterschiedlich bunt, da jede linie von einer anderen firma betrieben wird. der hälfte der busfahrer (und der taxifahrer) hat man wohl nachts diese anzeige aus dem fernen europa unter das kopfkissen gelegt: 'du bist michael schumacher'. sie liefern sich wettrennen, fahren mit offenen türen, hupen mit horn oder licht, es gehört zur lokalen folklore und ist eher zur selbstbestätigung gedacht, das ticket kostet zwanzig cent, so kommt man rum. manche haltestelle muss man kennen, es gibt kein schild, dafür steigt man zuweilen auch zwischen den stationen aus oder ein. einsteigen mit anstehen in der reihe, alle nacheinander. in der subte dagegen bricht nach dem öffnen der türen großes gedrängel aus - selbst die berliner können hier punkten. die innenausstattung der busse kann sehr individuell ausfallen: um die frontscheibe herum mit lauter geschliffenen und verzierten kleinen spiegeln in verschiedenen formen, in der mitte eine rote zahl im rhythmus der lauten musik aus dem radio des fahrers blinkend, oder um den fahrer herum alles mit weißem kunstleder gepolstert, goldknöpfe blitzen.
der wind verteilt den
rest über die straßen und gehwege. oft sieht es nach täglicher
loveparade aus, überall. was tut man ohne geld? es gibt keinerlei
soziale absicherung, jeder ist auf eigeninitiative angewiesen. die krise
vor einigen jahren hat viele um ihr erspartes gebracht, jetzt ringen sie
ums überleben. am nächsten morgen ist, ein weiteres wunder dieser
stadt, alles aufgeräumt. eines morgens sehe ich jemanden, der die
metallenen abfallbehälter auf der straße mit ölfarbe streicht, von
innen. sitze im café, ein kleiner junge kommt herein und will
angewelkte blumen in cellophan verkaufen, schaut mit großen traurigen
augen. mein erster impuls wird von dem gedanken an den erwachsenen händler,
der den jungen geschickt hat, gebremst: er hat nichts davon. der junge
wirft noch einen blick auf meinen teller, geht, draußen sehe ich ihn
die abfallsäcke ansteuern, dort trifft er seine mutter. hoffe
erfolglos, beide auf der straße zu wiederzufinden. der schein, den ich
später einer anderen familie in die hand drücke, hilft nicht. IV
service wird groß geschrieben, viele geschäfte haben
jeden tag geöffnet und man kann sich alles liefern lassen. auch
dvd-raubkopien aus dem internet von neuen filmen, anruf genügt. häufig
sieht man kellner mit einem tablett voller cafecitos und wassergläsern
jonglieren: durch die menschenmenge auf der straße, die subte-aufgänge
erklimmend... wenn es regnet, haben die tabletts hauben. je nach stadtquartier gibt es zusammenhängende straßenzüge,
bei denen sich die händler auf ein
bestimmtes marktsegment geeinigt haben - auf der corrientes in
downtown lauter buch- und cd-geschäfte, von dort richtung süden musikinstrumente und studioausrüstung;
in san telmo um die placa dorrego antiquitäten usw..
in der bar placa dorrego sind die lampen gleich, hier gibt es kleine braune sgraffito-übersäte holztische, auch
richtige kellner und die original inneneinrichtung von 1920. nach
mehreren besuchen weiß ich: die musik von der cd kennt abwechslung, es
gibt di sarli I und di sarli II. die schalen der immerzu gereichten erdnüsse
lassen im laufe des tages den schwarz-weißen fußboden fast
verschwinden. zwei blocks weiter unten, im café roli, hat der kellner
bei neun von zehn malen, die ich an dem lokal
vorbeilaufe, besen und schaufel zur hand und kehrt den
blitzenden, weißen marmorboden. im auto unterwegs, fahren die polizisten auch in gemütlicher
schleichfahrt mit blaulicht, ein wenig imposanz muss doch sein. auf
ihrem käppi sieht man überdimensional
das emblem der republik: zwei hände, einen stock umfassend, auf dem
eine art jakobinermütze thront; ich denke an eine der goscinny-sempé-geschichten
vom kleinen nicolas, wo beschlossen wird, für die ,bande der rächer' ein abzeichen zu schaffen. nach einigem disput einigt
man sich schließlich auf etwas mit adler, sich kreuzenden schwertern,
braunem lorbeer... hier wie da ganz und gar liebenswert. bei den
polizisten gibt einzig die immer vorhandene kugelsichere weste einen
link auf andere zustände - die viele gewalt während der krise, in
der zeit der diktatur, bilder der knüppelnden staatsgewalt kommen in
erinnerung, hat der stock im emblem des käppi
noch eine andere bedeutung? die menschen hier erscheinen friedlich,
zumeist müde oder melancholisch, vielleicht beides. selten blickt man
in feiste, satte, nie in argwöhnische gesichter. neues von der subte: die holzklasse, es gibt sie noch: auf
der linie a. mit offenen großen fenstern, die fahrgeräusche hier mehr
ein rattern als quietschen. im verkaufssortiment: küchenreiben und
taschenlampen.
gran milonga en aire libre... eine große bühne ist
aufgebaut, auf einer straßenkreuzung in downtown. die großen namen
geben sich die ehre, wieder einmal di sarli, fresedo, d'arienzo in der
perfektion der goldenen ära. lisandro adróver, grandseigneur im weißen
anzug, spielt sein bandoneón stehend, mit einem fuß auf wackeligem
stuhl und solcher emphase, dass ihm beim schlussakkord im hohen bogen
die brille von der nase fliegt. später singt alberto podesta mit
gleitender stimme den letzten rest des 21. jahrhunderts hinweg, nun sind
nicht mehr die oft anzutreffenden ford taunus, 17m, oder der
heckflossen-peugeot 404 anachronistisch, sondern wir hier in legerer
sommerkleidung, gleich wird alles schwarz/weiß und jean gabin steigt
aus seinem 404. ein bunt gemischtes publikum erfreut sich an all dem bei
lauen lüften zur nacht. viele stehen vor der bühne, weiter hinten sind
drei tribünen mit sitzplätzen aufgebaut: eine mit blick auf das
live-geschehen, weiter hinten eine mit blick auf eine großbildleinwand.
die dritte tribüne, 300 meter von der der musiker entfernt, hat die blickrichtung auf eine baustelle gegenüber. hier gibt es noch
freie sitzplätze, dankbar nehme ich an. ein vornehm gekleideter herr
rempelt sich neben mir über die bank auf die straße, kommt nach kurzer
zeit mit einer frau zurück und fängt an zu tanzen. seine kippa ist mit
einer klammer im schütteren haar gesichert: ihm wird nichts vom kopfe
fliegen. *Der
Autor bezieht sich mit dem Titel seines Reisetagebuchs auf eine Komposition
von Astor Piazzolla, der in seinem Zyklus 'estaciones porteñas' die
vier Jahreszeiten in Buenos Aires thematisiert hat. 'Verano'
ist der Sommer, ,porteños' nennen sich die Einwohner von Buenos Aires
(,puerto' = Hafen) Wer
mehr von Buenos Aires 2006 sehen möchte, dem sei das Foto-Tagebuch von
Guido Gayk empfohlen. Gayk arbeitete mit tangokultur.info bereits
für den Artikel über den Wuppertaler Tangoball und auch die letztjährige
Show von Nicole Nau und Luis Pereyra zusammen. Zum
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Email: willkommen@tangokultur.info Im Internet: www.tangokultur.info Herausgeber: Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.) |