verano porteño 2006 *(teil eins)
 

 

Reisetagebuch für Swantje-Britt Koerner

Text & Fotos: Frank Lubnow

 

I

durch regen und matsch nach tegel, ist schon dunkel. das taschenmesser bei den noten im handgepäck, wie kann man? geht nicht, ein paar umwege.

von berlin nach paris knie an knie, elle an elle mit businessmen, die kämpfen immer noch, kleine klaustrophobische anwandlung.

haute cuisine im plastiktablett, erinnere mich an ,brust oder keule' (louis de funès) und die szene in der fabrik, wo oben in eine maschine eine beige masse eingefüllt wird, die unten in hühnerform herauskommt. in der nachfolgenden maschine wird das teil lackiert. gute strategie gegen vogelgrippe.

der flughafen cdg mit seinen gängen wie bei jacques tati. aus der berlinalestadt ins richtige kinoleben.

beim nachtflug noch mehr menschen, die sind aber entspannter, ich auch, das essen ist gut, es gibt sogar trinkbaren wein. mein nachbar, aus buenos aires, kehrt nach dreieinhalb jahren münchen zurück nach südamerika. als jugendlicher hat er das schuhplattlern erlernt, in bsas! und überraschte seine bayerischen kollegen mit kenntnissen en gros und en détail.

im landeanflug sind keine zweifel mehr möglich, es ist hier tatsächlich sommer.


die casa aguas argentinas

ein erster rundgang durch die stadt legt nach: 35°C, der asphalt ist heiß, die abgaswolken bleiben am boden liegen, der verkehr betäubt die ohren, wunderbar nach der gefrorenen stille an der havel. aus der ferne erkennt man die beschaulichkeit des alten europa. die ankunft wird zum längsten tag: marcelo holt mich ab zur milonga, 1.30 uhr.

II

samstag abend im park, turmhohe palmen, rauchschwaden von chorizos auf dem grill, open air mit mercedes sosa. eine urmutter und ihre kinder, zehntausende lassen sich sanft und gütig über die haare streichen. dann singen alle ,el dia que me quieras', die klangwolke steigt in den himmel über die fernen palmendächer zu den nahen sternen. da ist es wieder, dieses tangogefühl.

san telmo, ein tangomuseum, man weiß nicht, was museum, was museumsshop ist. einkehr in einer alten passage, zweigeschossig aus der gründerzeit mit kleinen antiquitätenläden, cafés und in der mitte ein großer baum, der sein krone durch ein offenes dach entfalten kann. ein bänkchen lädt zur rast, de falla für violine und klavier weht herüber. wer jetzt schon beglückt ist von der atmosphäre, wird gleich vollends hingerissen sein, hebt er den kopf: die baumkrone ist übersät mit magnoliengleichen rosa blüten.

sonntag abend asado bei uns, grillmeisterschaften auf dem dachgarten. sprachkakophonie sorgt für unterhaltung, wir essen aber das gleiche, mit wonne.

montag erster unterricht, der meister ist persönlich da. eine gemeinde von philantropen probt die freiheit. nach sieben stunden ist alles wie betäubt, beine arme kopf.

habe die architektonische planung der stadt verstanden: sie existiert nicht.

wild durcheinander finden sich die verschiedensten gebäudegrößen und -stile, mit unterschiedlichen abständen zur straße, bauhöhen, nutzungen. nur lücken kommen relativ regelmäßig vor. die porteños lieben den einzelhandel, es gibt für alles spezielle kleine geschäfte  - feuerwehrspritzen, rollen, windeln. supermärkte gehen nie über nikolasseer maßstäbe hinaus, einkaufsarenen sind so gut wie unbekannt.

das straßennetz wie in nyc schachbrettartig, fast alles einbahnverkehr, was den verkehrsfluss mit 5-6 spuren ungemein fördert (fahrbahnmarkierungen haben rein dekorativen charakter): bei diesem durchschnittstempo brauchen die autofahrer keine extra stadtautobahn, die fußgänger aber unbedingt einsicht, wer der stärkere ist.

die u-bahn, 'subte', ist gemütlicher, niemand hat es hier eilig. in den bahnhöfen brummen alle zehn meter, auf jeder seite, große ventilatoren. wieso ist das in paris nicht so? in der metro ist es viel heißer. u-bahnfahren ist mit konsequenter konsumverlockung verbunden: im minutentakt kommen die händler und preisen mit durchdringender stimme ihre ware an.


'subte', die U-Bahn

heute hätte ich auf dem weg zur schule z.b. heftpflaster, cd-mappen, kugelschreiber oder abziehbilder von bonbonfarbenen putten günstig erwerben können. stumm werden die waren an alle verteilt und wieder eingesammelt, mancher hat bedarf und kauft. ich übe mich in verzicht und erfreue mich am unwillkürlichen ballett meiner mitreisenden: die bänke in der subte-linie b sehen durch die rote samtauflage nicht nur sofaartig aus, sie sind auch geradezu in k.u.k.-manier gefedert. jede unebenheit auf der fahrt hat kollektive hebung und senkung zur folge, die ein strenger ballettmeister nicht synchroner hätte einstudieren können.

III

drei tage regenpause mit monsunartigen einlagen. das tempo ist gedrosselt, das drehmoment bleibt, wie bei einem brt-mächtigen ozeandampfer, an dem auch heftiger sturm wie tautropfen abperlt, gerade zieht er seine bahn. währenddessen quartiersuche, sie zog sich länger hin als erwartet, nun mit happy end nach san telmo, ins museum.

samstag in der schule, wir sind zu fünft, philosophisches matekränzchen mit dinzel.

eine heftige sehnsucht nach freiheit: das herz führt uns dorthin. die bewegung geht vom herz aus, der rest des körpers folgt. die essenz des lebens, platon, hegel, teilchenphysik, wellen, es gibt nichts schlechtes, nur die abwesenheit des guten. nach zwei stunden raucht der kopf, dann tanzen, unterricht vom meister selbst, entrückung.

das spanischstudium findet im täglichen leben statt: im estudio, in holpriger konversation, beim morgendlichen kauf der medialunas (mini-croissants - es gibt ausladene batterien von kleinen süßen teilchen -facturas- unterschiedlichster art, bin noch dabei, mir einen ungefähren überblick zu verschaffen).

die busse fahren ohne zahl tag und nacht kreuz und quer durch die stadt, laut pfeifend, fauchend, röhrend, brummend. große tiere. alle unterschiedlich bunt, da jede linie von einer anderen firma betrieben wird. der hälfte der busfahrer (und der taxifahrer) hat man wohl nachts diese anzeige aus dem fernen europa unter das kopfkissen gelegt: 'du bist michael schumacher'. sie liefern sich wettrennen, fahren mit offenen türen, hupen mit horn oder licht, es gehört zur lokalen folklore und ist eher zur selbstbestätigung gedacht, das ticket kostet zwanzig cent, so kommt man rum. manche haltestelle muss man kennen, es gibt kein schild, dafür steigt man zuweilen auch zwischen den stationen aus oder ein. einsteigen mit anstehen in der reihe, alle nacheinander. in der subte dagegen bricht nach dem öffnen der türen großes gedrängel aus - selbst die berliner können hier punkten. die innenausstattung der busse kann sehr individuell ausfallen: um die frontscheibe herum mit lauter geschliffenen und verzierten kleinen spiegeln in verschiedenen formen, in der mitte eine rote zahl im rhythmus der lauten musik aus dem radio des fahrers blinkend, oder um den fahrer herum alles mit weißem kunstleder gepolstert, goldknöpfe blitzen.


die calle bolivar vor der
ankunft der müllabfuhr

die müllabfuhr kommt täglich, die auf die straße gestellten abfallsäcke einzusammeln, besser: was davon übrig ist. in der nacht kommen die cartoneros, reißen die säcke auf, um nach plastikflachen und pappe zu suchen. sie haben große taschen, manchmal wägelchen, zuweilen pferdefuhrwerke und sortieren aus (bei der s-bahn gibt es für sie sonderfahrten nach hause in die vorstädte mit ausrangierten zügen ohne bestuhlung, die bahn bezahlt die fahrten). 

der wind verteilt den rest über die straßen und gehwege. oft sieht es nach täglicher loveparade aus, überall. was tut man ohne geld? es gibt keinerlei soziale absicherung, jeder ist auf eigeninitiative angewiesen. die krise vor einigen jahren hat viele um ihr erspartes gebracht, jetzt ringen sie ums überleben. am nächsten morgen ist, ein weiteres wunder dieser stadt, alles aufgeräumt. eines morgens sehe ich jemanden, der die metallenen abfallbehälter auf der straße mit ölfarbe streicht, von innen.

sitze im café, ein kleiner junge kommt herein und will angewelkte blumen in cellophan verkaufen, schaut mit großen traurigen augen. mein erster impuls wird von dem gedanken an den erwachsenen händler, der den jungen geschickt hat, gebremst: er hat nichts davon. der junge wirft noch einen blick auf meinen teller, geht, draußen sehe ich ihn die abfallsäcke ansteuern, dort trifft er seine mutter. hoffe erfolglos, beide auf der straße zu wiederzufinden. der schein, den ich später einer anderen familie in die hand drücke, hilft nicht.

IV

service wird groß geschrieben, viele geschäfte haben jeden tag geöffnet und man kann sich alles liefern lassen. auch dvd-raubkopien aus dem internet von neuen filmen, anruf genügt. häufig sieht man kellner mit einem tablett voller cafecitos und wassergläsern jonglieren: durch die menschenmenge auf der straße, die subte-aufgänge erklimmend... wenn es regnet, haben die tabletts hauben.

je nach stadtquartier gibt es zusammenhängende straßenzüge, bei denen sich die händler auf  ein bestimmtes marktsegment geeinigt haben - auf der corrientes in downtown lauter buch- und cd-geschäfte, von dort richtung süden musikinstrumente und studioausrüstung; in san telmo um die placa dorrego antiquitäten usw..
in meiner straße kann man rasenmäher kaufen, jede größe bis zum kleintraktor ist erhältlich, im spielwarengeschäft gibt es modelle für die allerjüngsten. cui bono, gibt es auch einen laden für die zu mähenden privaten grünflächen?

bartelmo. unzählige zeitschichten scheinen sich zu überlagern, ähnlich wie im estudio dinzel. die farben der kacheln künden von fernen ästhetischen vorstellungen, an der wand mehrere alte fotos von fußballmannschaften. die lampen sind alle verschieden, die küche sehr einfach und gut, der kellner schweigsam, freundlich, beflissen.


die plaza dorrego
im viertel san telmo

in der bar placa dorrego sind die lampen gleich, hier gibt es kleine braune sgraffito-übersäte holztische, auch richtige kellner und die original inneneinrichtung von 1920. nach mehreren besuchen weiß ich: die musik von der cd kennt abwechslung, es gibt di sarli I und di sarli II. die schalen der immerzu gereichten erdnüsse lassen im laufe des tages den schwarz-weißen fußboden fast verschwinden. zwei blocks weiter unten, im café roli, hat der kellner bei neun von zehn malen, die ich an dem lokal vorbeilaufe, besen und schaufel zur hand und kehrt den blitzenden, weißen marmorboden.

im auto unterwegs, fahren die polizisten auch in gemütlicher schleichfahrt mit blaulicht, ein wenig imposanz muss doch sein. auf ihrem käppi sieht man überdimensional das emblem der republik: zwei hände, einen stock umfassend, auf dem eine art jakobinermütze thront; ich denke an eine der goscinny-sempé-geschichten vom kleinen nicolas, wo beschlossen wird, für die ,bande der rächer' ein abzeichen zu schaffen. nach einigem disput einigt man sich schließlich auf etwas mit adler, sich kreuzenden schwertern, braunem lorbeer... hier wie da ganz und gar liebenswert. bei den polizisten gibt einzig die immer vorhandene kugelsichere weste einen link auf andere zustände - die viele gewalt während der krise, in der zeit der diktatur, bilder der knüppelnden staatsgewalt kommen in erinnerung, hat der stock im emblem des käppi noch eine andere bedeutung? die menschen hier erscheinen friedlich, zumeist müde oder melancholisch, vielleicht beides. selten blickt man in feiste, satte, nie in argwöhnische gesichter.

neues von der subte: die holzklasse, es gibt sie noch: auf der linie a. mit offenen großen fenstern, die fahrgeräusche hier mehr ein rattern als quietschen. im verkaufssortiment: küchenreiben und taschenlampen.


alberto podesta

gran milonga en aire libre... eine große bühne ist aufgebaut, auf einer straßenkreuzung in downtown. die großen namen geben sich die ehre, wieder einmal di sarli, fresedo, d'arienzo in der perfektion der goldenen ära. lisandro adróver, grandseigneur im weißen anzug, spielt sein bandoneón stehend, mit einem fuß auf wackeligem stuhl und solcher emphase, dass ihm beim schlussakkord im hohen bogen die brille von der nase fliegt. später singt alberto podesta mit gleitender stimme den letzten rest des 21. jahrhunderts hinweg, nun sind nicht mehr die oft anzutreffenden ford taunus, 17m, oder der heckflossen-peugeot 404 anachronistisch, sondern wir hier in legerer sommerkleidung, gleich wird alles schwarz/weiß und jean gabin steigt aus seinem 404. ein bunt gemischtes publikum erfreut sich an all dem bei lauen lüften zur nacht. viele stehen vor der bühne, weiter hinten sind drei tribünen mit sitzplätzen aufgebaut: eine mit blick auf das live-geschehen, weiter hinten eine mit blick auf eine großbildleinwand. die dritte tribüne, 300 meter von der der musiker entfernt, hat die blickrichtung auf eine baustelle gegenüber. hier gibt es noch freie sitzplätze, dankbar nehme ich an. ein vornehm gekleideter herr rempelt sich neben mir über die bank auf die straße, kommt nach kurzer zeit mit einer frau zurück und fängt an zu tanzen. seine kippa ist mit einer klammer im schütteren haar gesichert: ihm wird nichts vom kopfe fliegen.

*Der Autor bezieht sich mit dem Titel seines Reisetagebuchs auf eine Komposition von Astor Piazzolla, der in seinem Zyklus 'estaciones porteñas' die vier Jahreszeiten in Buenos Aires thematisiert hat. 'Verano' ist der Sommer, ,porteños' nennen sich die Einwohner von Buenos Aires (,puerto' = Hafen) .

Wer mehr von Buenos Aires 2006 sehen möchte, dem sei das Foto-Tagebuch von Guido Gayk empfohlen. Gayk arbeitete mit tangokultur.info bereits für den Artikel über den Wuppertaler Tangoball und auch die letztjährige Show von Nicole Nau und Luis Pereyra zusammen. Zum Foto-Blog...

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Ausgabe April 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)